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Freitag, 29. Oktober 2010

Jorge Luis Borges, Ein Theologe im Tod

Bernd Dahlenburg a.k.a sola fide (auf gut deutsch: allein aus dem Glauben) gewidmet.
"Sie haben sich jetzt auf mich eingeschossen.
Aber ich habe dich, unsere Freunde und Gott auf meiner Seite.
Herzliche Grüße
Bernd " (Quelle)

Die Engel haben mir mitgeteilt daß Melanchton, als er verschied, in der anderen Welt ein Haus zugeteilt bekam, welches dem, das er auf Erden innegehabt, täuschend ähnlich war. (Nahezu allen, die erst jüngst in der Ewigkeit eingetroffen sind, widerfährt das gleich, und deshalb glauben sie, sie seien nicht gestorben.) Die häuslichen Geräte waren gleich: der Tisch, das Schreibpult mit seinen Fächern, die Bibliothek. Als nun Melanchton in dieser Behausung erwachte, nahm er seine literarischen Obliegenheiten wieder auf, als sei er kein Leichnam, und schrieb einige Tage lang über die Rechtfertigung durch den Glauben. Wie es seine Gewohnheit war, sagte er nicht ein Wort über die Liebe. Die Engel bemerkten diese Weglassung und schickten Personen zu ihm, die ihn hierüber befragen sollten. Melanchton sagte ihnen: "Ich habe unwiderleglich bewiesen, dass die Seele der Liebe entraten kann und dass, um in den Himmel einzugehen, der Glaube genügt." Diese Worte sprach er hochmütig und wußte nicht, dass er schon tot war und sein Ort nicht der Himmel. Als die Engel seine Worte vernahmen, wichen sie von ihm. 

Mittwoch, 30. Juni 2010

Die Argentinier

Bastian Schweinsteigers Diatribe gegen die Argentinier hat eine mythische Dimension. Ob die Geister, die er beschwor, das Spiel bestimmen werden?

Fußball gibt den Archaismen und Leidenschaften, alten Feindschaften, eine Form; so auch der Tango. Möglicherweise kann uns ein Dichter über einen dunklen Zug bei "den Argentiniern" einen Hinweis geben. Jorge Luis Borges erzählt in seiner Geschichte des Tango von einer Herausforderung:

"Es gibt einen legendären oder historischen oder zugleich aus Geschichte und Legende bestehenden Bericht, der den Kult des Mutes beweist.... Der Protagonist ... war Juan Murana, Fuhrmann und Messerstecher, in dem alle Mutgeschichten zusammenlaufen, die in den nördlichen Stadtteilen umgehen. Ein Mann aus Corrales oder Barracas, der von Juan Muranas Ruhm gehört hat (ohne ihn je gesehen zu haben), verläßt seinen südlichen Stadtteil, um sich mit ihm zu messen; er fordert ihn in einer Ladenkneipe heraus, die beiden gehen auf die Straße, um dort zu kämpfen; sie verwunden einander, Murana markiert ihn schließlich und sagt:
"Ich laß dich am Leben, damit du wiederkommst, um mich zu suchen."
Das Selbstlose in diesem Duell prägte sich meinem Gedächtnis ein ... Wir hätten somit Männer mit armseligstem Leben vor uns, Gauchos und Randbewohner der Flußgebiete des Plata und des Paraná, die, ohne es zu wissen, eine Religion mit ihrer Mythologie und ihren Märtyrern begründen, die harte und blinde Religion des Muts, des Bereitseins zum Töten und Sterben. Diese Religion ist so alt wie die Welt ... Ihre Musik wäre in den rezitativen Estilos, Milongas und ersten Tangos. Ich habe gesagt, dass diese Religion alt ist; in einer Saga des 12. Jahrhunderts steht zu lesen: "Sag mir, was dein Glaube ist", sagte der Graf. "Ich glaube an meine Kraft", sagte Sigmund.Wenceslao Suárez und sein namenloser Widersacher sowie andere ... bekannten sich fraglos zu diesem männlichen Glauben, der sehr wohl nicht bloß Eitelkeit sein mag, sondern das Bewußsein, daß in jedem Menschen Gott ist." 


Zu den Pflasterstränden des Tango.

Dienstag, 24. November 2009

Leseempfehlung: Jorge Luis Borges, Deutsches Requiem

7 Seiten, die ca. 1.400 Seiten von Jonathan Littell aufwiegen. Meinem schlaflosen Freund Alex Feuerherdt a.k.a. Lizas Welt gewidmet.

"Siehe, er wird mich doch erwürgen, und ich habe nichts zu hoffen: doch will ich meine Wege vor ihm verantworten." Hiob, 13:15

"... Wer mir zuzuhören weiß, wird die Geschichte Deutschlands und die künftige Geschichte der Welt verstehen. Ich weiß, dass Fälle wie meiner, die heute noch erschreckende Ausnahmen sind, sehr bald trivial sein werden. Morgen werde ich sterben, aber ich bin ein Symbol der kommenden Generationen. ...
Der Nazismus ist seinem Wesen nach eine moralische Angelegenheit: Man legt den alten verrotteten Menschen ab, um sich in den neuen Menschen zu kleiden. In der Schlacht ist diese Mutation gewöhnlich ... nicht so im dumpfen Kerker, wo das hinterhältige Mitleid uns mit uralten Zartheiten versucht ...Schon vor vielen Jahren hatte ich begriffen, daß in der Welt kein Ding ist, das nicht Keim einer möglichen Hölle wäre; ein Gesicht, ein Kompaß, eine Zigarettenreklame können einen um den Verstand bringen, wenn man es nicht fertig bringt, sie zu vergessen. Muß nicht ein Mensch verrückt werden, vor dessen inneren Auge ständig die Landkarte von Ungarn steht? Ich beschloss, die Disziplinierungsordnung in unserer Anstalt nach diesem Prinzip auszurichten und ... Ich weiss nicht, ob Jerusalem begriffen hat, dass ich ihn vernichtete, um mein Mitleid zu vernichten. In meinen Augen war er kein Mensch, nicht einmal ein Jude; er hatte sich in das Symbol einer verabscheuten Zone meiner Seele verwandelt. Ich litt mit ihm Todesqualen, ich starb mit ihm, ich habe mich gleichsam mit ihm zugrunde gerichtet; deshalb war ich erbarmungslos."

Es gibt noch einiges anderes bedenkenswertes zu lesen. Borges schließt

"...Wenn der Sieg, die Ungerechtigkeit und das Glück nicht für Deutschland sind, mögen sie es für andere Nationen sein. Soll es den Himmel geben , auch wenn unser Platz die Hölle ist.
Ich betrachte mein Gesicht im Spiegel, um zu wissen, wer ich bin, um zu wissen, wie ich mich in ein paar Stunden verhalten werde, wenn ich dem Ende begegne. Mein Fleisch mag Angst fühlen, ich nicht."

(Aus: Jorge Luis Borges, Erzählungen, Das Aleph)

Mag jedoch keiner glauben, dass ich mit diesem Hinweis den Fisch im Wasser ertränkt habe. Ein paar zusätzliche Anstrengungen gibt es noch für jeden einzelnen zu verrichten.