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Mittwoch, 17. November 2010

Entweder Broder. Oder Matussek. Entweder Leidkultur Oder Leitkultur

Matthias Matussek postuliert:

"Wir müssen darüber sprechen, wer und was zum Kanon der deutschen Leitkultur gehört. Ohne Zynismus, ohne Hysterie. Das ist interessant nicht nur für die anderen, sondern auch für uns selber. 
...Wir sind, was die anderen nicht sind. Nur, wer sind wir?

...Wer wäre bei uns auf der Liste? Ganz sicher Heinrich Heine, Feuerkopf und “Loreley”-Dichter, der von Zensur und Polizei außer Landes getrieben wurde und im Pariser Exil lebte, der von dort aus Deutschland verspottete, sich aber heimlich zurück über die Grenze stahl in seinem “Wintermärchen”.
“Und als ich die deutsche Sprache vernahm / da ward mir seltsam zu Mute / ich meinte nicht anders, als ob das Herz / Recht angenehm verblute.” Wie viel Tiefe und wie viel Liebe das hat! Und wie viel kulturlose Gedankenlosigkeit verrät das Empörungsbeben der Grünen Claudia Roth, die deutsche Sprachtests für Einwanderer “Zwangsgermanisierung” nennt. Wir haben die Wahl zwischen Heines poetischem Patriotismus oder dem ewiggestrigen, dickfelligen Multikulti-Sirtaki einer Stadtfestindianerin, die mit jedem Stampfer ihrer touristischen Lebenslust ein politisches Statement abgibt. Einige haben sich bereits entschieden."

Nur, wer sind "wir"? Ich stimme Ihnen aus vollem Herzen zu, dass das entscheidende Kriterium nicht sein kann, ob jemand authochton ist oder Mihigru hat. Interessant ist auch die Überlegung, dass das mit Tiefe und Liebe (und Er-Kenntnis) zu tun haben könnte.

Was ich nicht ganz verstehe, ist dass Sie Heinrich Heine mit Claudia Roth vergleichen. Man kann ja alles mit allem vergleichen, den Homo Sapiens mit einem Nilpferd, weil beide schnaufen, aber trägt das über einen Lacher hinaus zum Erkenntnisprozess, zur Wahrheitsfindung bei? Ist das nicht ein bißchen unter Ihrem Wert, Claudia Roth, die bei aller Peinlichkeit nicht alleinverantwortlich für den Niedergang der deutschen Kultur ist, preisgünstig abzuwatschen? Wäre es nicht um einiges produktiver und intellektuell herausfordernder, exemplarisch Heinrich Heine mit Henryk M. Broder, dem "Börne unserer Zeit" (Helmut Markwort), zu vergleichen, wie es einst Richard Wagner getan hat (Einstieg und Problematik) und dabei auch en passent den Erlösungsquatsch des nicht nur in dieser Frage irrenden großen deutschen Künstlers Richard Wagner auf Vordermann zu bringen?

Über Heines Antipoden Ludwig Börne hat Wagner dies ausgeführt:

"Noch einen Juden haben wir zu nennen, der unter uns als Schriftsteller auftrat. Aus seiner Sonderstellung als Jude trat er Erlösung suchend unter uns: er fand sie nicht und mußte sich bewußt werden, daß er sie nur mit auch unsrer Erlösung zu wahrhaften Menschen finden können würde. Gemeinschaftlich mit uns Mensch werden, heißt für den Juden aber zu allernächst so viel als: aufhören, Jude zu sein. Börne hatte dies erfüllt."

Sie, lieber Matthias Matussek können, gewitzt durch die Geschichte, Bezug nehmend auf den Börne unseres Milleniums, Henryk M. Broder, eine ganz andere Geschichte erzählen und andere Konjekturen ziehen. Broder nimmt ja zusammen mit seinem Kopiloten Ahmed Abdel-Samad kein Blatt vor den Mund:

"Wir Beute-Deutsche sind die neuen Deutschen. Das heißt nicht, Deutscher zweiter Klasse zu sein. Ganz im Gegenteil. ...Aber ich muss zugeben: Mir sagt der Begriff auch wenig. Ich bin einfach nur Deutscher. ...Die meisten autochthonen Deutschen haben ein schreckliches Problem damit, Deutsche zu sein. Und sie missgönnen den Beute-Deutschen ihre Fröhlichkeit darüber, Deutsche zu sein. ... Sie kommen in Deutschland heute ja nicht weit ohne Migrationshintergrund. Wenn Sie sagen, Sie sind ein gewöhnlicher Deutscher aus dem Sauerland und essen gerne Königsberger Klopse - mit dieser Biographie können Sie doch nichts werden. ...Für die autochthonen Deutschen ist das Deutschsein mit Leiden und Schwermut verbunden, mit diesem ganzen schweren Gepäck im [sic!] Rücken. Ich habe das alles nicht. Ich reise mit leichtem Gepäck....Die Deutschen machen sich das Leben gerne schwer... Eine deutsche Passion. Uns Deutschen fehlt immer noch eine gewisse Leichtfüßigkeit." (Quellen: Tagesspiegel, Augsburger Allgemeine)


Auf dem Weg zum leichtfüssigen Deutschtum gibt es noch ein kleines Hindernis beiseitezuräumen, nämlich, dass die Deutschen auch gerne eine unbeschwerte Deutschland-Party mit allem Drum und Dran (z.B. WM-Nationalismus, Lena-Nationalismus) feiern, obwohl Auschwitz erst gestern war, das ist auch nicht recht. An dieser Stelle möchte ich ausdrücklich Broders Ernstmacher Alex Feuerherdt a.k.a. Lizas Welt um seine Überlegungen bitten, wie wir Deutschen das schwere Gepäck im [!] Rücken los werden, uns das Leben leichter machen können. Gut, aber das ist nur ein Nebenwiderspruch, ein Nebenkriegsschauplatz.

"Wir müssen uns identifizieren" postulieren Sie, lieber Matthias Matussek, "Und nun stellt sich die Identitätsfrage neu. Und zwar durch die Migranten, die wir “integrationsunwillig” nennen. Durch diejenigen also, die nun ihr Eigenes in unsere Gemeinschaft importiert haben. Ihre Religion, ihre Sitten, ihre Traditionen, ihre Sprache. Und die daran ganz natürlich festhalten. Sie sollen nun so deutsch wie möglich werden. Allerdings, und da hat die türkische Journalistin Mely Kiyak völlig recht: “Wieso erwartet man von uns überhaupt, dass wir uns mit Deutschland identifizieren, wenn selbst die Deutschen es nicht tun?” Wo sie recht hat, hat sie recht. Wir haben Probleme mit uns. Tradition? Eher nicht."

Ist Henryk M. Broder, "BeuteDeutscher", "integrationswillig" oder eher nicht, wenn er auf seiner Deutschland-Safari ausführt "Wenn du dich scheisse benimmst und keiner nimmt es dir übel, dann bist Du integriert" oder wenn er auf die Feststellung "Richtig verwurzelt sind Sie nirgends." antwortet "Doch, bei Visa, bei American Express, bei Mastercard und seit kurzem hab ich auch ´ne ADAC-Card. Ich finde, das gehört zur Heimat" (Quelle)? Ist das nicht die Krone der Schöpfung, die höchste Stufe der Evolution des Homo?

Ich befürchte, dass Sarrazin mit "Wanderers Nachtlied", ich mit meiner Sorge um den Nachwuchs für Bachchöre, Sie mit Ihrem Goethe-Fimmel im schönen Neuen Deutschland eines Bohlen & Broder heillos von gestern sind, kauzige Sonderlinge, die wie die Gestalten in Fahrenheit 451 memorierend durch die Wälder Deutschlands im Abendlicht streifen. "Deutschland schafft sich ab", in der Tat, wenn die Schösse nicht mehr fruchtbar sind. Das kann man ja ganz wertneutral wie Henryk M. Broder sehen

"Ich würde an Sarrazins Buch etwas anders kritisieren, und zwar den Titel, der mir wirklich eine falsche Programmatik andeutet: “Deutschland schafft sich ab”. Wissen Sie, das sagt erst mal gar nichts, das kann gut sein oder das kann schlecht sein. " und

"Ja. Europa wird anders werden, und das ist die einzige Chance, die es überhaupt noch hat: sich mit den Leuten, die es eigentlich gar nicht haben will, zu revitalisieren. Die Frage ist nur, ob es sein politisches System aufgeben will. Ich würde gerne das weisse Europa aufgeben, aber ich würde ungern das demokratische Europa aufgeben." (Quelle)

Der Mann bleibt sich treu. Tiefe und Liebe in unserer Zeit.

Dienstag, 26. Oktober 2010

Matthias Matussek. Die Urszene mit Sarrazin

Ich habe in der Post "Matthias Matusseks wundersame Wandlung" darüber berichtet, wie Matthias Matussek eine Ursprungsfassung, nämlich "Merkwürdiger Abend mit Sarrazin" v. 11. September verschwinden ließ und am 19. September durch eine neue Fassung "Neu: Publikumsbeschimpfung" ersetzte. Da diese Ursprungsfassung nicht mehr im Webcache zu finden ist, dokumentiere ich sie jetzt durch Screenshots. Tut mir leid, lieber Matthias Matussek, wo neu ist, muss auch alt sein, und eine Vergebung der Sünde ist nicht eine Vertuschung der Sünde, das sollte doch einen guten Katholiken nicht erschüttern?

Screenshot v. 20.09.2010






Screenshot v. 20.09.2010







Screenshot 20.09.2010
In der revidierten Fassung, "Neu: Publikumsbeschimpfung", hat sich Matthias Matussek, anders als sein Kollege Fleischhauer, mit dem Publikum, mit dem "Wilmerdorfer und Schöneberger Sarrazion-Ziustiummungs-Bürger" versöhnt. Ein Zivilisationsprozess?

Ich bleibe nach wie vor Ihr Fan. Ihre Laudatio auf Udo Lindenberg hat mir sehr gut gefallen.

Samstag, 25. September 2010

Alan Posener wird in seinen Träumen vom Papst gequält

Dass die Una Sancta Catholica gänzlich unverdächtig ist, Rassen- oder gar Selektionspolitik zu unterstützen, wird, glaube ich, nirgends bestritten. In ihrem Schoß willkommen heißt Mutter Kirche alle, die mühselig und beladen sind, alle, die arm im Geiste sind, sie würde auch keinen neunmalklugen Alpha- oder Beta-Journalisten zurückweisen,  weder Heiden noch Juden, weder Ungeborene noch Komapatienten. Sie ist die Matrix jeder Universalität ohne falsche Toleranz - sie ist die alleinseligmachende.

Ab jetzt gilt das nicht mehr ohne Wenn und Aber. Alan Posener hat eine starke Meinung und er hat sie hier geäußert:

"Nun aber zum eigentlichen Thema dieses, ich gebe es zu, bisher etwas mäandernden Essays: zu Sarrazins Stichwortgeber. Ich zitiere aus einer Rede, die Joseph Ratzinger, Chef der Glaubenskongregation im Vatikan, am 13. Mai 2004 vor dem Senat der Republik Italien hielt. Es ging um „Europas Identität“. „Europa scheint (…) von innen her leer geworden“, sagte Ratzinger. „diesem inneren Absterben entspricht es, dass auch ethnisch Europa auf dem Weg der Verabschiedung begriffen erscheint. (…) Der Vergleich mit dem untergehenden Römischen Reich drängt sich auf, das als großer geschichtlicher Rahmen noch funktionierte, aber schon von denen lebte, die es auflösen sollte, weil es selbst keine Lebenskraft hatte.“

Europa „stirbt innerlich ab“ „verabschiedet sich ethnisch“, wird „aufgelöst“ von den Zuwanderern, die es geholt hat, um von ihrer Arbeit zu leben. Schafft sich, um mit Sarrazin zu reden, ab. Ich habe diese Aussage in meinem Buch über Benedikt als „apokalyptische Hysterie“ bezeichnet, und diese Bezeichnung passt auch auf Sarrazins Thesen. Wie man aber behaupten kann, erst er habe in dieser Drastik das Problem der muslimischen Einwanderer auf den Begriff gebracht, ist mir ein Rätsel. Kann es sein, dass die meisten Leute, die über Ratzinger schreiben, seine Bücher auch nicht gelesen haben?"

HerrgottsDonnerwetter! der deutsche Papst, damals - 2004 - noch Vorsteher der Glaubenskongregation, hat, horribile dictu, von "Ethnien" und deren long goodbye gesprochen. Hat Sarrazin seine Stichworte gegeben, das Hintergrundrauschen für Sarrazins Ethno-Politik, der apokalytischen Sound "Schafft sich ab" ist fast Wort für Wort von Ratzinger.  Eigentlich hätten wir das - nostra culpa - wissen müssen, hätten wir nur Ratzinger aufmerksam gelesen. Das Drehbuch für Sarrazin und die Seinen ist von Ratzinger. Deshalb ist es nur folgerichtig, wenn Posener fortfährt:


"Wenn man freilich weiß, dass dies seit Jahren die offizielle Linie des Vatikans ist, wird manche Schlagzeile, manche Parteinahme und auch mancher Meinungsschwenk der letzten Wochen erklärlich."

Halt! jetzt werden sich aber Thilo Sarrazin, Henryk M. Broder, Herr Giordano, Klaus von Dohnanyi, die Damen und Herren von Politically Incorrect, Muslimakte, Schwyz Obacht!, Flandern in Not, Pro Köln, Pax Europa e tutti quanti, vor allem aber Matthias Matussek (Katholiken nach Sachsen-Anhalt! ich habe hier berichtet) ertappt fühlen als Erfüllungsbüttel der offiziellen Linie des Vatikans. Haben es die Muselmanen nicht bereits geahnt, dass hier direkt vom Vatikan aus ein Kreuzzug gegen sie gesteuert wird?  - Alan Posener weiss aber noch viel mehr: Im Vatikan hockt ein malevolenter Lustgreis, der in seinem Kreuzzug gegen die Moderne mit diebischem Vergnügen geniesst, wenn Leitfiguren dieser Moderne wie Angela Merkel, die Vollendung der Christdemokratie mit allen Mitteln und Protagonistin der "Zivilreligion der Demokratie", für die "Auschwitz" Dreh- und Angelpunkt geworden ist (siehe),  in the line of fire kommen:


"Benedikt hat übrigens nicht vergessen, dass es die unbotmäßige Kanzlerin war, die ihn in Sachen Bischof Williamson zurechtgewiesen hat. Schon gar nicht hat er ihr das verziehen. Dass sie nun wegen Kritik an Positionen, die den seinen entsprechen, ihrerseits in die Schusslinie der Leitmedien der Republik gerät, wird im Vatikan gewiss genüsslich goutiert."

Posener ist seit seiner epochalen Untersuchung "Benedikts Kreuzzug. Der Angriff des Vatikans auf die moderne Gesellschaft" mit dem Papst bestens vertraut, steht mit ihm in regem Gedankenaustausch, er weiss sogar, was Benedikt "klammheimlich" denkt (er ist u.a. auch Stichwortgeber für die deutsche Anti-Israel-Lobby).

Daß die Una Sancta Catholica nicht die Bannerträgerin von Poseners "Moderne", der "liebens- und lebenswertesten Gesellschaft, die der Planet bislang gekannt hat", ist, sondern eine Einrichtung mit tiefen Wurzeln und Langsamkeiten, mit einem Wertekanon und Grundsätzen, die 2000 Jahre bis auf Paulus und die Kirchenväter zurückgehen, mit Einstellungen zu Familie, Sexualität und Reproduktion, die eher das Verpflichtende in der Kette der Generationen als die Verpflichtung der Individuen zum Lustgewinn und Selbstverwirklichung in unserer Gesellschaft betont, mit einem Freiheitsbegriff, der das Menschenrecht auf Beleidigung und "Verspottung des Heiligen" nicht einschließt, ist, dürfte doch hinlänglich bekannt sein. Insbesondere wird sich die Catholica, deren Fundament der Stein Petrus ("auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen", Matthäus 16,18) ist, sich nicht unter eine "Zivilreligion", deren Punkt Omega "Auschwitz" ist, beugen und ihr Angebot relativieren. Die Grundlage des Fundaments der Basis des Katholizismus (und der anderen christlichen Religionsgemeinschaften) war, ist, wird sein der Kreuzestod und die Wiederauferstehung des Heilands für die Juden und die ganze Welt, nichts anderes. Zu erwarten, dass sich Vatikan und Catholica der frohen Botschaft der Moderne anschließt, ist töricht. Daraus einen Kreuzzug, einen Angriff auf die Moderne, eine Abkehr von der Moderne, ein Rollback der Aufklärung etc. abzuleiten, bleibt Alan Poseners Alpträumen, in denen ihm vom Papst die beste seiner Welten madig und fragwürdig gemacht wird, überlassen. Die Catholica wird in der modernen Welt eine Antithese und ein Stein des Anstosses bleiben, auch wenn sich der Pontifex redlich (diesen Vorschußkredit gebe ich ihm) um Brückenschläge zur Moderne müht. Damit muss sich Posener, müssen wir uns abfinden. Der Papst wird weder Posener noch mich affirmieren. Ob Papstkritiker generell Langweiler sind, wie Hansjörg Müller auf der Achse des Guten hier behauptet, kann ich nicht beurteilen, uneingeschränkt zustimmen muss ich ihm darin:

"Trotzdem bleibt unverständlich, warum sich die Protestierenden über die Ansichten des Papstes derartig echauffieren, schließlich leben wir doch alle in einer freien, offenen und pluralistischen Gesellschaft. Niemand wird gezwungen, katholisch zu werden oder zu bleiben - wer mit dem Papst übereinstimmt, der soll ihm folgen, und wer nicht, der kann es bleiben lassen, ohne dass er irgendwelche Sanktionen befürchten muss. Wer mit der Römischen Kirche nicht einverstanden ist und trotzdem Christ bleiben möchte, der hat seit der Reformation, also seit mittlerweile über 500 Jahren, eine Vielzahl von Alternativen. Und wer stattdessen Atheist, Buddhist oder was auch immer sein möchte, der soll es werden - in der freien Welt darf jeder nach seiner Fasson selig werden. "

Ebenso von gestern wie der Vatikan sind wohl Vorstellungen von einer Zucht des Denkens; gerade Alpha-Journalisten wie Broder und Matthias Matussek sind Alpha-Journalisten, weil und wenn sie oben auf der Erregungswelle surfen. Reliabilität, d.i. Zuverlässigkeit und Verlässlichkeit einer Zeitzeugenaussage, und Validität, d.i. Gültigkeit,  bleiben dabei auf der Strecke. Broder hat das Stöckchen besondern tief gelegt, für ihn muss seine "begündete Spekulation" nicht solider sein als das Verleihen von Geld an Griechenland. Matussek weiss wenigstens noch, dass er nach einer Woche im "Licht der Abendsonne", also unter dem Einfluss stimmungsaufhelllender und beruhigender Pharmazeutika, das Gegenteil bezeugt und versucht die Spur zu tilgen. 

Bringt Alan Posener, Dauererregungslevel "Bullshit", die Bedachtsamkeit mit, den Papst sub specie aeternitatis beurteilen zu können? Wie valide und objektiv sind seine Aussagen?  Die Sünden Broders und Matusseks sind die lässlichen Sünden von Hallodris und Spitzbuben.

Poseners "Sünde" ist eine Sünde vor dem Herrn, Inkohärenz, er denkt seine Maßstäbe nicht durch.

Pabst Benedikt hält er vor dass er von "Ethnien" spricht, "his masters voice", dem Philosophen Robert Spaemann, wiederum:

"Aber Spaemann verlangt viel mehr, und gilt es, aufzuhorchen: „Ferner: Israel verzichtet auf die ethnische Selbstdefinition, die jeden Nichtjuden in diesem Staat zum Fremden macht.“ Anders gesagt. Der Judenstaat verschwindet. Besser könnte es die Hamas auch nicht formulieren.
Es ist schon bemerkenswert, was herauskommt, wenn „es“ aus führenden Katholiken wieder einmal spricht. Von Papst Benedikt wäre – gemäß dem „Grundgesetz von Schutz und Gehorsam“ eine klare Zurückweisung solcher Gedankenspiele zu verlangen."

Wollen wir variieren? "Deutschland verzichtet auf die ethnische Selbstdefinition, die jeden Nichtdeutschen in diesem Staat zum Fremden macht". Anders gesagt: Deutschland verschwindet. Besser könnte es auch Sarrazin nicht ausdrücken.

Einerseits: Posener wirft dem Papst vor, er sei sich "mit heutigen Vertretern eines intoleranten Islam einig in der Abwehr des Rechts auf Religionskritik... die "Verspottung des Heiligen" sei kein "Freiheitsrecht" und "nicht die Art von Toleranz, die wir alle wünschen"... (Quelle)

Andererseits gibt es jetzt eine "nennen  wir sie ruhig so - Zivilreligion" (Quelle), für die Auschwitz von zentraler Bedeutung sein soll - und für diese gibt es einen kanonischen Text, von dem man kein Jota abweichen darf. Posener bekommt sich nicht mehr ein, dass Benedikt einen anderen als den kanonischen Text gesprochen hat. Wenn man in unserer Zeit schon eine Religion begründen und gründen will, gar noch auf Auschwitz,  gilt dann auch hier, dass  Abweichungen, Häresien, Religionskritik, Spott etc. toleriert werden müssen, oder ist dies eine notwendige Ausnahme? Mir scheint, Posener verhält sich in den heiligen Hallen dieser Zivilreligion päpstlicher als der Papst, würde er das "Freiheitsrecht" der "Verspottung des Heiligen" "tolerieren" und dafür eintreten? Mir scheint, dass in dieser neuen Zivilreligion mindestens ebensoviel Orthodoxie west wie in den traditionellen, mit Argusaugen auf Übertretungen geschaut wird. Außerdem scheint mir, dass wir für diese "Zivilreligion" zwangsrekrutiert werden, dafür haftbar gemacht, ob wir auch das Einzigrichtige sagen, und nicht austreten können. Posener würde als Hüter der reinen Lehre gewiß nicht zögern, ein "Grundgesetz von Schutz und Gehorsam" einzuführen und abwegige Gedankenspiele "klar" in die Schranken weisen. - Wären wir ohne diese auf Auschwitz begründete Zivilreligion heutzutage ohne moralischen Kompass? -  aber halt, ich will den Fisch nicht im Wasser ersäufen. Für Leuchttürme unserer Epoche wie Broder, Posener et al. muss es noch zu tun geben.

Posener hört nicht auf vom Papst zu träumen, Träume sind Wunscherfüllungen, er kann dort den Papst mit dem Papst austreiben, den Papst, "der dem fundamentalistischen Islam den Rücken stärkt" (Quelle), durch den Papst, der für Sarrazin "Stichwortgeber" (Quelle) ist. Alles Papst oder wa? Nein, Posener glaubt nicht, dass er Verschwörungstheoretiker ist. Seit seiner Schulung in K-Gruppen ist er vor solchen Anfechtungen gefeit. Weltgeschichte ist eine Geschichte der Intrigen. Alle Gewalt geht vom Vatikan aus.

Dienstag, 21. September 2010

Matthias Matusseks wundersame Wandlung

 Diese Post nimmt Bezug auf
1. Erstfassung: Matthias Matussek@19:25, 11. September, Merkwürdiger Abend mit Sarrazin (nur noch im webcache), inzwischen nicht mehr im webcache, Screenshots in Post Matthias Matussek, Urszene mit Sarrazin
2. Zweitfassung: Matthias Matussek@19:25, 19. September, Neu: Publikumsbeschimpfung,
3. offizielle Fassung im SPIEGEL, der heilige Text: Debattenbeitrag von Matthias Matussek, Sarrazin-Debatte, Ein Freak, ein Störenfried, ein Jahrmarktsereignis, 20. September 2010, 08:47 Uhr

Matthias Matussek habe ich bisher als sportiven und schlagfertigen Feuilletonisten (mit einer zuweilen schönen männlichen Empfindsamkeit; seine Hommage an Clint Eastwood fand ich großartig) und lustigen Goethe-Blogger, als, auch wenn ich das Confiteor nicht mehr mit ihm mitbeten kann, wackeren und unerschrockenen Katholiken, der beherzt und frei von der Leber das Evangelium, die frohe Botschaft, verkündet,  und als Autoren des munteren patriotischen Buches "Wir Deutschen. Warum die anderen uns gern haben können" geschätzt. Matthias Matussek war bis zur Sarrazin Krise, in der er berserkerhaft kämpft, nicht auf dem Radarschirm "Von den Einzigwahren Freunden Israels".

Warum also jetzt ein "Scheinwerfer" auf Matthias Matussek auf diesem Blog? Ich habe das Sarrazin Phänomen in mehreren Posts im Hinblick auf die Einzigwahren Zeugen Israels ausgeleuchtet. Ich habe auch schon mehrfach eine Hypothese über "Sarrazianer" (andere sagen "Sarrazenen" oder, so Matussek in Fassung 1 "Sarrazion-Ziustiummungsbürger", also auch mit jüdischem Gen) gegeben. Hier will ich Matthias Matussek als Augen- und Zeitzeugen (das ist nicht dasselbe, werden wir lernen) aufrufen und in den Zeugenstand bitten. Außerdem schätze ich mich glücklich, dass ich Beobachter der Produktion eines Palimpsestes in statu nascendi eines prominenten Publizisten sein darf.

Zwischen der heiligen Fassung im SPIEGEL und der Zweitfassung auf Matusseks Blog bestehen nur geringfügige, zu vernachlässigende Unterschiede, die sich der SPIEGEL Schmiede verdanken, die Texte noch schmissiger macht. Beispiel:

Zweitfassung: "Nachdem  Tilo Sarrazin "erfolgreich geächtet" ist, nehmen die Kommentatoren seine Leser aufs Korn. Spekulationen über eine rechte Sammlungsbewegung schießen ins Kraut. Das Profil der potentiellen Miglieder: männlich, allein, frauenhassend".

Heilige Fassung im SPIEGEL: "Kaum ist Thilo Sarrazin "erfolgreich geächtet", nehmen Kommentatoren in einer großangelegten Publikumsbeschimpfung seine Leser aufs Korn. ..." Das ist natürlich ein anderer, und zwar der Sound, den wir lieben.

Die Metamorphose oder, dem Katholiken Matussek wahrscheinlich vertrauter, das Sakrament der Wandlung hat sich zwischen der Erst- und Zweitfassung vollzogen.  In die Hölle gefahren, von Matthias Matussek gelöscht, ist der Leib seiner Erstfassung v. 11. September (die Toten leben jedoch immer noch in den webcaches, wir können sie - Google sei dank! - restaurieren), wiederauferstanden, hallelujah!, ist der Leib seiner Zweitfassung, die er am 19. September auf seinen Blog veröffentlicht hat.

Ich bitte die noch Ernsthaften mit dem nötigen Zeitbudget diese beiden Fassungen zu lesen (es werden nicht viele sein; jedoch ist es für mich auch in der Epoche des Ratings per Clickrates schnurzegal, wie viele es sind).  An dieser Stelle ist für mich lediglich relevant, wie Matussek das Publikum in der Urania beschreibt:

Erstfassung unmittelbar nach dem Ereignis am 11. September (im webcache): "Und leider wurde das Publikum zunehmend unangenehm. Der (längst eingebürgerte) iranische, also: deutsche, Regisseur wurde rüde von Zwischenrufern unterbrochen... Der Wilmersdorfer und Schöneberger Sarrazion [sic!]- Ziustiumungs[sic!]-Bürger machte irgendwie unangenehm mobil, und all meine hübsch hingelegten Verweise auf den melancholischen Deutschland-Abschied des Bildungsbürger Sarrazin - mein Gott, er war der einzige, der bei Plasberg Goethes Spätgedicht "Wanderers Nachtlied" zitieren konnte - verpufften. Ebenso die Diskussion über Leitkultur, über die Überwindung des Deutschland-Traumas der Deutschen, über einen schönen, weltoffenen Patrotismus, wie ich ihn in meinem Deutschland-Buch herbeibeschwor."

Hier zeigt sich natürlich auch das schöngeistige Elend, wenn man nicht radikal zu den elenden Tatsachen vordringen will, nämlich, wie Broder es formuliert, dass "die Europäer zu faul zu ficken sind", womit er vulgo meint, dass sie sich nicht ausreichend reproduzieren; der "melancholische Deutschland-Abschied des Bildungsbürger Sarrazin" versucht noch nicht einmal, vanitas vanitatum vanitas, die Hunde zum Jagen zu tragen. Ich bin, wie bereits dargestellt, sehr dafür, dass "Wanderers Nachtlied" auch in 50 oder 500 Jahren funkelt und von ca. 5% der Bevölkerung zitiert werden kann, aber die Fertilitätsbereitschaft der deutschen Bildungsbürger mit überdurchschnittlichem Sarrazin-IQ wird es nicht signifikant erhöhen (hier scheint noch nicht mal Tom Jones, Benedikt XVI., Udo Jürgens oder Kuschelrock zu helfen).

Dieser Eindruck des Publikums in der Urania wird auch durch Matthias Matusseks SPIEGEL-Kollegen Jan Fleischhauer bezeugt (SPIEGEL, Nr. 38, 20.9.10. S. 183):

"Es ist mit Rücksicht auf die Vorgaben der politischen Korrektheit aus der Mode gekommen, vom Mob zu reden. Aber es gibt kein besseres Wort für das Publikum, das sich am Freitag vorvergangener Woche in der Urania einfand. Es war ein adrett zurechtgemachter, nach Rasierwasser und Eau de Toilette riechende Mob, ein Angestelltenpöbel, den es kaum auf den Stühlen hielt, sobald die Rede auf "die Politik", "die Medien" und "die Ausländer" kam, und der zischend, johlend und klatschend seiner Aggression freien Lauf ließ."

Am 19. September, 8 Tage nach seiner Erstfassung am 11. September, die ohne Todesanzeige beerdigt wurde, veröffentlicht Matthias Matussek seine Heilige Fassung im SPIEGEL-Online. Hier heisst es jetzt:

"War das nun der "Mob", der "Angestelltenpöbel", den mein Kollege Jan Fleischhauer, der im Publikum saß, anderntags auszumachen meinte? Ich habe es anders erlebt. Sicher, manche Zwischenrufer waren auch mir so unangenehm, dass ich irgendwann sagte: "Wissen Sie, wenn ich mir das so anhöre, kann ich verstehen, dass Herr Samadi möglicherweise Angst bekommt." Doch das war ein Konzessionssatz für den Mann, den ich eingeladen hatte. In Wahrheit fand ich die paar Zwischenrufer überhaupt nicht demokratiebedrohend....
Es blieb gesittet in der Urania. Unten im Saal: Absolut nicht jene verbiesterten christlichen Kreuzzügler, die sich die "Zeit" herbeiphantasiert. Stattdessen jüngere Menschen, Akademiker, viele Pärchen darunter, Besucher, die sicher nicht zum ersten Mal zu einer Buchlesung erschienen waren.
Ein Publikum, das empfänglich zu sein schien für den bitteren und melancholischen Abschiedston Sarrazins, den er selber "Deutschland im Abendlicht" nannte."

Das Essen beim Chinesen, Fassung 1: "Anschließend ging ich mit Thomas Brussig und Frau zum Chinesen essen. Ich fühlte mich schuldig und schlecht und fühlte mit dem Regisseur und Kollegen Neffe und bestellte Ente mit Knochen .... Eigentlich ist die ganze Menschheit schuldig und schlecht. Das Restaurant heisst "Good friends". Fortsetzung folgt."

Das Essen beim Chinesen, Heilige Fassung: "Anschließend saß ich mit Thomas Brussig und seiner Frau beim Chinesen in der Kantstraße und fühlte mich schlecht wegen Ali Samadi Ahadi und bestellte Ente mit Knochen. Das Restaurant heisst "Good friends". Ich sinnierte über der Frage, ob ich fremdenfeindlich, und wenn ja, ob es vielleicht genetisch ist bei mir... Ich glaube nicht, dass wir frauenhassender, nächstenliebeloser Pöbel und Angestelltenmob sind. Aber wer weiß?" - Hier haben wir ein schönes Beispiel dafür, dass der Zeitraum gekrümmt ist; Matthias Matussek setzt sich bereits beim Chinesen mit Artikeln auseinander, die erst später, bei Jan Fleischhauer z.B. erst am 20.9., veröffentlicht wurden.

8 Tage liegen zwischen Matthias Matusseks Fassungen. In dieser Woche kam es zu einer Verwandlung,  8 Tage hat es in Matthias Matussek gegärt. Es kann ja durchaus sein, dass ein mehrfach überlegter und durchdachter Eindruck "wahrer" ist als der frische, unmittelbare, der durch Emotionen und Hormone getrübt sein kann. Auskunft kann uns letztlich nur Matthias Matussek selbst geben. Was ist passiert, dass 1. die Beurteilung sich ins schiere Gegenteil gewandelt hat, 2. Matussek versucht hat, seine Ursprungsfassung zu tilgen, ungeschehen zu machen? Die Radikalität von Matusseks Wandlung ist nur vergleichbar der eines Saulus in einen Paulus.

Ceterum censeo: Das deutsche  "Bildungsbürgertum" tanzt den Todestanz, heult und mährt über die Fertilität der Muselmanen anstatt sich mit der eigenen zu beschäftigen - und Henryk M. Broder ist ihr Prophet. Und ich frage, was all diese Elementarteilchen, Pärchen (Matthias Matussek sieht in der Urania bezeichnenderweise "Pärchen", keine Paare) oder Singles, Schwule oder Heten, die das harte Glück einer Elternschaft nicht auf sich nehmen wollen, sich für keine anderen Kinder interessieren als für sich selbst, die sie nach nach dem Stress eines Tages des lebenslangen Lernens chillen und beruhigen müssen, mit ihrer überlegenen Intelligenz anfangen? Diese Endmoränen ihrer Art, die so empfänglich sind für den bitteren und melancholischen Abschiedston Sarrazins, "Deutschland im Abendlicht". Baden die in ihrem Selbstmitleid oder sind die einfach in der belle indifference ihrer Trance? Eloi, die zwischendurch in dystopischen Träumen zucken.