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Mittwoch, 17. November 2010

Entweder Broder. Oder Matussek. Entweder Leidkultur Oder Leitkultur

Matthias Matussek postuliert:

"Wir müssen darüber sprechen, wer und was zum Kanon der deutschen Leitkultur gehört. Ohne Zynismus, ohne Hysterie. Das ist interessant nicht nur für die anderen, sondern auch für uns selber. 
...Wir sind, was die anderen nicht sind. Nur, wer sind wir?

...Wer wäre bei uns auf der Liste? Ganz sicher Heinrich Heine, Feuerkopf und “Loreley”-Dichter, der von Zensur und Polizei außer Landes getrieben wurde und im Pariser Exil lebte, der von dort aus Deutschland verspottete, sich aber heimlich zurück über die Grenze stahl in seinem “Wintermärchen”.
“Und als ich die deutsche Sprache vernahm / da ward mir seltsam zu Mute / ich meinte nicht anders, als ob das Herz / Recht angenehm verblute.” Wie viel Tiefe und wie viel Liebe das hat! Und wie viel kulturlose Gedankenlosigkeit verrät das Empörungsbeben der Grünen Claudia Roth, die deutsche Sprachtests für Einwanderer “Zwangsgermanisierung” nennt. Wir haben die Wahl zwischen Heines poetischem Patriotismus oder dem ewiggestrigen, dickfelligen Multikulti-Sirtaki einer Stadtfestindianerin, die mit jedem Stampfer ihrer touristischen Lebenslust ein politisches Statement abgibt. Einige haben sich bereits entschieden."

Nur, wer sind "wir"? Ich stimme Ihnen aus vollem Herzen zu, dass das entscheidende Kriterium nicht sein kann, ob jemand authochton ist oder Mihigru hat. Interessant ist auch die Überlegung, dass das mit Tiefe und Liebe (und Er-Kenntnis) zu tun haben könnte.

Was ich nicht ganz verstehe, ist dass Sie Heinrich Heine mit Claudia Roth vergleichen. Man kann ja alles mit allem vergleichen, den Homo Sapiens mit einem Nilpferd, weil beide schnaufen, aber trägt das über einen Lacher hinaus zum Erkenntnisprozess, zur Wahrheitsfindung bei? Ist das nicht ein bißchen unter Ihrem Wert, Claudia Roth, die bei aller Peinlichkeit nicht alleinverantwortlich für den Niedergang der deutschen Kultur ist, preisgünstig abzuwatschen? Wäre es nicht um einiges produktiver und intellektuell herausfordernder, exemplarisch Heinrich Heine mit Henryk M. Broder, dem "Börne unserer Zeit" (Helmut Markwort), zu vergleichen, wie es einst Richard Wagner getan hat (Einstieg und Problematik) und dabei auch en passent den Erlösungsquatsch des nicht nur in dieser Frage irrenden großen deutschen Künstlers Richard Wagner auf Vordermann zu bringen?

Über Heines Antipoden Ludwig Börne hat Wagner dies ausgeführt:

"Noch einen Juden haben wir zu nennen, der unter uns als Schriftsteller auftrat. Aus seiner Sonderstellung als Jude trat er Erlösung suchend unter uns: er fand sie nicht und mußte sich bewußt werden, daß er sie nur mit auch unsrer Erlösung zu wahrhaften Menschen finden können würde. Gemeinschaftlich mit uns Mensch werden, heißt für den Juden aber zu allernächst so viel als: aufhören, Jude zu sein. Börne hatte dies erfüllt."

Sie, lieber Matthias Matussek können, gewitzt durch die Geschichte, Bezug nehmend auf den Börne unseres Milleniums, Henryk M. Broder, eine ganz andere Geschichte erzählen und andere Konjekturen ziehen. Broder nimmt ja zusammen mit seinem Kopiloten Ahmed Abdel-Samad kein Blatt vor den Mund:

"Wir Beute-Deutsche sind die neuen Deutschen. Das heißt nicht, Deutscher zweiter Klasse zu sein. Ganz im Gegenteil. ...Aber ich muss zugeben: Mir sagt der Begriff auch wenig. Ich bin einfach nur Deutscher. ...Die meisten autochthonen Deutschen haben ein schreckliches Problem damit, Deutsche zu sein. Und sie missgönnen den Beute-Deutschen ihre Fröhlichkeit darüber, Deutsche zu sein. ... Sie kommen in Deutschland heute ja nicht weit ohne Migrationshintergrund. Wenn Sie sagen, Sie sind ein gewöhnlicher Deutscher aus dem Sauerland und essen gerne Königsberger Klopse - mit dieser Biographie können Sie doch nichts werden. ...Für die autochthonen Deutschen ist das Deutschsein mit Leiden und Schwermut verbunden, mit diesem ganzen schweren Gepäck im [sic!] Rücken. Ich habe das alles nicht. Ich reise mit leichtem Gepäck....Die Deutschen machen sich das Leben gerne schwer... Eine deutsche Passion. Uns Deutschen fehlt immer noch eine gewisse Leichtfüßigkeit." (Quellen: Tagesspiegel, Augsburger Allgemeine)


Auf dem Weg zum leichtfüssigen Deutschtum gibt es noch ein kleines Hindernis beiseitezuräumen, nämlich, dass die Deutschen auch gerne eine unbeschwerte Deutschland-Party mit allem Drum und Dran (z.B. WM-Nationalismus, Lena-Nationalismus) feiern, obwohl Auschwitz erst gestern war, das ist auch nicht recht. An dieser Stelle möchte ich ausdrücklich Broders Ernstmacher Alex Feuerherdt a.k.a. Lizas Welt um seine Überlegungen bitten, wie wir Deutschen das schwere Gepäck im [!] Rücken los werden, uns das Leben leichter machen können. Gut, aber das ist nur ein Nebenwiderspruch, ein Nebenkriegsschauplatz.

"Wir müssen uns identifizieren" postulieren Sie, lieber Matthias Matussek, "Und nun stellt sich die Identitätsfrage neu. Und zwar durch die Migranten, die wir “integrationsunwillig” nennen. Durch diejenigen also, die nun ihr Eigenes in unsere Gemeinschaft importiert haben. Ihre Religion, ihre Sitten, ihre Traditionen, ihre Sprache. Und die daran ganz natürlich festhalten. Sie sollen nun so deutsch wie möglich werden. Allerdings, und da hat die türkische Journalistin Mely Kiyak völlig recht: “Wieso erwartet man von uns überhaupt, dass wir uns mit Deutschland identifizieren, wenn selbst die Deutschen es nicht tun?” Wo sie recht hat, hat sie recht. Wir haben Probleme mit uns. Tradition? Eher nicht."

Ist Henryk M. Broder, "BeuteDeutscher", "integrationswillig" oder eher nicht, wenn er auf seiner Deutschland-Safari ausführt "Wenn du dich scheisse benimmst und keiner nimmt es dir übel, dann bist Du integriert" oder wenn er auf die Feststellung "Richtig verwurzelt sind Sie nirgends." antwortet "Doch, bei Visa, bei American Express, bei Mastercard und seit kurzem hab ich auch ´ne ADAC-Card. Ich finde, das gehört zur Heimat" (Quelle)? Ist das nicht die Krone der Schöpfung, die höchste Stufe der Evolution des Homo?

Ich befürchte, dass Sarrazin mit "Wanderers Nachtlied", ich mit meiner Sorge um den Nachwuchs für Bachchöre, Sie mit Ihrem Goethe-Fimmel im schönen Neuen Deutschland eines Bohlen & Broder heillos von gestern sind, kauzige Sonderlinge, die wie die Gestalten in Fahrenheit 451 memorierend durch die Wälder Deutschlands im Abendlicht streifen. "Deutschland schafft sich ab", in der Tat, wenn die Schösse nicht mehr fruchtbar sind. Das kann man ja ganz wertneutral wie Henryk M. Broder sehen

"Ich würde an Sarrazins Buch etwas anders kritisieren, und zwar den Titel, der mir wirklich eine falsche Programmatik andeutet: “Deutschland schafft sich ab”. Wissen Sie, das sagt erst mal gar nichts, das kann gut sein oder das kann schlecht sein. " und

"Ja. Europa wird anders werden, und das ist die einzige Chance, die es überhaupt noch hat: sich mit den Leuten, die es eigentlich gar nicht haben will, zu revitalisieren. Die Frage ist nur, ob es sein politisches System aufgeben will. Ich würde gerne das weisse Europa aufgeben, aber ich würde ungern das demokratische Europa aufgeben." (Quelle)

Der Mann bleibt sich treu. Tiefe und Liebe in unserer Zeit.

Donnerstag, 12. November 2009

Broders Normalität - aber einer, einer will nicht mit (Lizas Welt a.k.a. Alex Feuerherdt)

Der SPIEGEL und ich haben darüber berichtet: über den Auszug aus dem düsteren bedrückenden Reich der Holocaust Religion in das Reich der Broder-Seligkeit und -Herrlichkeit, in Ewigkeit Amen (aus diesen beiden Pics war die beeindruckende Fotomontage im SPIEGEL v. 2.11.2009 komponiert, mit denen Broders Debattenbeitrag "Der ideale Kandidat" illustriert wurde).


Mancherorts als Sprechorgan Broders verschrieen, konnte der SPIEGEL nichts mehr und nichts weniger vermelden, als dass Henryk M. Broder (der Moses unseres Säkulums oder der neue Sabbatai Zwi?) wie jeder wegweisende Prophet "ein wenig Lob und jede Menge Spott und Hohn" einstecken musste. Jedoch: "Doch die subversive Kraft der Provokation entfaltete ihre Wirkung - eine ernsthafte [sic!] Diskussion ist jetzt [sic!] entbrannt. Damit sei es genug getan, meint Broder..."(Fettdruck durch mich) und bejubelt im "Fundstück" am 10.11.2009 


Wenn Dr. Dieter Graumann, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland,  sagt


"Vom tristen, ewig ungeliebten Dauermahner und vom chronisch brumigen Dauer-Warner zum putzmunteren Antreiber und Impulsgeber, 
Phantasie statt Rituale, 
weniger sauertöpfische Übellaunigkeit und mehr frischer Einfallsreichtum, 
weniger oberleherhafte, moralinsauere Besserwisserei und mehr offener, aber durchaus auch kontoverser Dialog,
weniger Empörungsmaschinerie, weniger Empörungsroutine und mehr quicklebendige Kreativität, entschlossener Einsatz für die gemeinsame jüdische Einheit mit Phantasie und Begeisterung und mit Leidenschaft, gepaart mit glaubwürdigem Respekt für unsere neue Vielfalt und deren Wurzeln, 
nicht immer nur laut hinaus schreiend, wogegen wir Juden sind, sondern auch einmal endlich: wofür eigentlich, 
endlich heraus aus der bleischweren Rolle des Moralwächters, heraus aus der Dauer-Mecker-Ecke und auch aus der so unendlich traurigen Opferrole überhaupt 
und mitten hinein ins bunte Leben von leidenschaftlicher Debatte, von frischer Diskussion, von lebendiger Kultur und dem neugierigen Forschnach den vielen, positiven Schätzen, die das bunte Judentum auch heute anzubieten hat."


ist das dem subversiven Impuls von Henryk M. Broder zu verdanken.