Montag, 1. August 2011

Henryk M. Broder ist überhaupt unschuldig!

Dafür lege ich meine Hand ins Feuer.  Er ist sogar total unschuldig. Wenn ich ihn hier gegenüber bösartigen Beschuldigungen in Schutz nehme, bin ich sicherlich gänzlich unverdächtig, dies als ein Parteigänger und Spießgeselle Broders zu tun.

In der FR postuliert Christian Bommarius, dass Broders Schriften das "Entrebillet für aggressiven Antiislamismus" seien. "„Nach den Niederlagen von Poitiers (732) und Wien (1683) sollen die Europäer nun mit den Waffen der Demografie besiegt werden.“ Aber den Satz schrieb nicht Breivik. Er stammt von Henryk M. Broder."

En passant: Warum eigentlich geben die Europäer auf diesem Schlachtfeld so ein jämmerlich schwaches Bild ab? Und auf dem Autorenblog Starke Meinungen greift Alan Posener Broder an, ohne ihn direkt beim Namen zu nennen 

"Umso bezeichnender ist es, dass die neurechten Maulhelden, aus deren Dunstkreis Anders B. hervorging, ... keinen Gedanken auf Selbstkritik verwenden, sich vielmehr in bekannter Manier wehleidig schon jetzt als Opfer des linken „Mainstreams“ und jener „Kulturmarxisten“ hinstellen, die Anders B. absolut folgerichtig seinerseits als Opfer heraussuchte. ... Und es gibt einen Zusammenhang zwischen der Neuen Rechten und den Terror-Attentaten in Norwegen. Ideen haben Konsequenzen. Worte haben Folgen. Wer das leugnet, verwirkt den Anspruch, ernst genommen zu werden."

Das ist schon starker Tobak, Broder muß ganz schön einstecken und steckt es weg wie einst Aap Müller. Wankt Henryk M. Broder?  Nein, aber er ist gezwungen, eine Apologie in eigener Sache zu verfassen
"Ich weiß, ich vereinfache, ich versuche nur, mit der Gegenseite Schritt zu halten, die mit einer Schamlosigkeit sondergleichen versucht, sich einen moralischen Vorsprung zu verschaffen, indem sie die Verantwortung für einen Massenmord „Islamkritikern“ von Ates bis Sarrazin, von Broder bis Wilders in die Schuhe zu schieben versucht. Umgekehrt wird ein Schuh daraus....
Breivik wusste, dass er seine Tat „rational“ begründen muss. Und das hat er nicht bei mir und Thilo Sarrazin gelernt, sondern bei Mohammed Atta und Osama Bin Laden, bei den Attentätern von Madrid, London, Mumbai, Bali; bei Carlos, dem Schakal, und den „Märtyrern“, die ein Video aufnehmen, bevor sie ins Paradies aufbrechen.  ...

Und wann immer ein Terroranschlag passiert war oder im Ansatz vereitelt wurde, von den Semiprofis der Hamburger Zelle bis zu den Amateuren der Sauerland-Gruppe, eilten sofort Experten an den Tatort, das heißt in die nächste Ausgabe der „Tagesschau“, um die Mutter aller Fragen in den Raum zu stellen: Wie verzweifelt müssen Menschen sein, die so etwas tun? Diese Frage war immer der Auftakt zu der Suche nach mildernden Umständen. ... Breivik hat das alles mitbekommen."

Zur Seite steht Broder, der nach Weihnachten von der WELT-Gruppe als "hemmungsloser Freiheitskämpfer " begrüßt wurde, Ulf Poschardt

"Bei all den Attacken wurde nicht nur diese Zeitung, „Die Welt“, angegriffen, sondern insbesondere unser Autor Henryk M. Broder, der als Polemiker und Freigeist mit seinen Büchern, Texten und Fernsehshows wie kaum ein anderer Publizist in Deutschland der aufgeklärten Gesellschaft ihre blinden Flecken spiegelt. Als Provokateur macht er vor wenigen Tabus halt und zwingt sich auch dort zur Drastik, wo es leichter wäre, in den Schoß des veröffentlichten Mainstreams zurückzukehren. Er karikiert und überzeichnet im Dienste der Aufklärung: Das ist für jeden Leser und Rezipienten eigentlich deutlich wahrnehmbar." (Quelle)

Fragen könnte man ja, welche "blinden Flecken" Broder "spiegelt", etwa den grassierenden Antisemitismus überall dort, wo es Broder stinkt, oder die fehlende Aufklärung über die "Religion des Friedens", fragen auch, welche Tabus er knackt, etwa in BILD endlich aussprechen zu dürfen, dass Michel Friedman ein Riesenarschloch ist. Mehr interessiert mich jedoch, was die wenigen Tabus sind, vor denen er haltmacht, dann würden wir seine Dezenz und Feinfühligkeit loben können.

Ideen haben Konsequenzen, Worte haben Folgen, hat Alan Posener postuliert. Dass hier eine "Verantwortung" des Wortes für die Tat vorliegt, darin stimmt Broder durchaus zu und er weiß auch, wer diese zu tragen hat, natürlich nicht er, sondern umgekehrt wird ein Schuh draus,  Breivik hat nämlich nicht von Wilders, Sarrazin, Broder, Fjordman, sondern von den muselmanischen Terroristen und den Terroristenverstehern gelernt. Alles klar?

Ideen haben Konsequenzen, Worte haben Folgen. Es gilt Verantwortung zu übernehmen, wenn man denkt und spricht. Das tut Broder, so Broder,  immer - Islamkritik ist Frieden und ein reines Herz.

Es ist natürlich eine interessante Frage, wie Worte (der Logos) Fleisch werden und unter uns wohnen und hausen. Das ist eine Verwandlung. "Von sowas kommt sowas" - das ist der dürftige Diskurs unserer Zeit. Hat Jieses Kraist seine Worte nicht richtig bedacht und mißverständlich formuliert, so dass sie von den Richtern und Henkern im Namen des Herrn verstanden und mißverstanden werden konnten, haben MarxEngels Lenin, Trotzki, Sinowjew, Stalin die Hand geführt, hat Wagner ("Erlösung dem Erlöser") Hitler stimuliert oder gar befruchtet? Vor ein paar Jährchen hat Gevatter Broder bei einem Frühstücksbüffet am Züri-See wohlgemut räsoniert " Ich finde es grundsätzlich [sic!] gut, dass das so genannte «weisse, heterosexuelle, blonde, arische» Europa seinem Ende entgegengeht" Hat Anders Breivik etwa Broder beim Wort genommen? Hätte er sich nicht selbst ins Visier nehmen müssen? Wenn schon, denn schon hätte Breivik zu Kenntnis nehmen müssen, dass Broder dies nur grundsätzlich meinte und schon gar nicht konkret. Täter beschäftigen sich schon mit dem Grundsätzlichen, Hitler im Knast in Landsberg, Breivik in seiner Klause bei der Mutter; Täter sind Ultimativisten, Wehenbeschleuniger, Endlöser, sie haben den Geduldsfaden verloren, sie wollen konkret handeln. Vielleicht kann mein störrischer Freund aus Augsburg, Bernd Dahlenburg, der profunde Experte in Sachen Wiedertäufer in Münster und Augsburg, ein Schärflein zur Einordnung und zum richtigen Verständnis beitragen.  Vielleicht müssen wir auch nur über Reflexionen Henryk M. Broders meditieren,  zum Beispiel diese, die er in einem "Streitgespräch" mit Erich Follath bei Thea Dorn zum Besten gegeben hat, um die Passage vom Wort zur Tat besser zu verstehen

"Europa hat ein Unbehagen an sich selbst, nennen Sie es Antisemitismus ... Israel als Corpus delicti oder meine Existenz sind Erinnerer an den Holocaust ... das europäische schlechte Gewissen wäre enorm erleichtert, wenn jemand anders den "Job" [Holocaust II] übernehmen würde."

Wenn ich Seine Existenz richtig verstehe, entlasten die Täter die Auftraggeber von einem schweren inneren Konflikt. Sowas wird von Sowas kommen. Broder ist wie immer sein eigener Maßstab, der Urmeterdes Broderschen Realen/Imaginären/Symbolischen. Broder-Kritik hat mit Broder nicht das geringste zu tun. Seine Existenz qua Erinnerer an den Holocaust, the holocaust is on my side, hat folgende unschlagbare Maxime aufgestellt:

"Zunächst einmal hat der Broder-Kritiker wenig mit Broder und gar nichts mit seinem Verhalten zu tun. ... Was auch immer der Broder tut (oder unterlässt) , der Broder-Kritiker macht ihm das zum Vorwurf. Deswegen nutzt es nichts, wenn der Broder sein Verhalten ändert, um dem Broder-Kritiker entgegen zu kommen... Basiert die Broder-Kritik also auf hysterischen Ängsten, Erfindungen, Projektionen und Neidgefühlen, haben die Xenophobie, Islamophobie, Arachnophobie, Agoraphobie e tutti quanti eine reale Basis."  

P.S. wenn man an Broder nicht seine eigenen Maßstäbe, sondern andere anlegt: In Defense of Henryk Broder? - updated (2) 

Kommentare:

rauskucker hat gesagt…

Danke!

Nur eine winzige Korrektur: ich weiß nicht, ob auch Broder Herrn Friedman via "BILD" in der genannten Weise beleidigt hat, aber Sarrazin tat's auf jeden Fall:

http://rauskucker.wordpress.com/2010/09/10/die-partei-der-arschlocher/

Susanne hat gesagt…

Ich habe mich mit Herrn Broder nicht besonders beschäftigt, ich kenne ihn nur, weil ich im Internet manchmal über ihn gestolpert bin. Aber ich denke, ihn und andere dafür verantwortlich zu machen, dass ein Verrückter Amok lief, ist schon etwas seltsam. Hätte sich der Attentäter auf die alten Anarchisten bezogen - "wer die Macht hat, hat das Recht" - beispielweise und davon abgeleitet, er habe die Macht, denn die kommt aus den Gewehrläufen und somit das Recht zu töten - würden sie dann Stirner für diese Tat verantwortlich machen? Das wäre doch wohl absurd. Jeder ist für seine Taten selbst verantwortlich (oder auch nicht. wenn er verrückt ist). Man wird immer etwas finden, auf das man sich berufen kann.

Zudem sind fundamentalistische Christen nicht anders als fundamentalistische Moslems. Ich sah einmal eine Doku, wo (amerikanische) Christen sich insofern mit den Islamisten solidarisch zeigten, als sie deren Taten guthiessen. Sie würden dasselbe tun und erziehen ihre Kinder bereits in diese Richtung.

Religiöse Leute sind Menschen die sklavisch denken und sich alles vorschreiben lassen. So sind die Islamisten und so sind beispielsweise auch die Amish. Letzteren wird sogar vorgeschrieben wie sie ihre Hosenträger zu tragen haben. Die Islamisten schreiben vor, dass man sich bedecken muss.

Extreme Religiosität ist ein geistiger Defekt. Da ist es nur ein kleiner Schritt zum religiösen Wahn und dieser Wahn findet immer eine scheinbar rationale Begründung.

Der Unterschied zwischen den Islamisten und den Juden besteht darin, dass die Islamisten alle Welt islamisch machen wollen. Die Juden belästigen andere nicht mit ihrer Religion. Die fundamentalistischen Christen denken wie die Islamisten.

Zum glück gibt es immer viele areligiöse Menschen auf dieser Welt.