Montag, 5. September 2011

Ist es angemessen, Alan Posener einen "Sinowjew im Schlafrock" zu nennen?

In dieser Post hatte ich angekündigt, dass ich noch darüber meditieren will: Ist Alan Posener ein "Sinowjew im Schlafrock"? Den Publizisten Alan Posener habe ich bisher nicht direkt zu den Einzigwahren Freunden Israels gezählt. Ich habe ihn eher als mehr oder weniger unglücklichen, verschmähten "Freund" unseres "hemmungslosen Freiheitskämpfers" Henryk M. Broder wahrgenommen und zuweilen unter die Lupe genommen.

Ich habe in letzter Zeit immer mehr an ennui, an Fadesse über die allzeit berechenbaren Einzigwahren Freunde Israels gelitten. Vielleicht rettet mich jetzt ein Abstecher zu Alan Posener. Posener scheint ein psychologisch interessanterer Fall zu sein. Während Broder in der Commedia dell´arte unserer Zeit typologisch als ein lupenreiner "Arlecchino"  (Arlecchino ist die Figur, die sich auf der Bühne alles herausnehmen darf. Typisch für ihn sind seine naive Fröhlichkeit und seine Verfressenheit. Manchmal dient er sogar zwei Herren gleichzeitig, damit er mehr Essen bekommt, was zu meist lustigen Verstrickungen führt. Mit seiner ironischen Art ist er die Stimme des gemeinen Volkes zu der Zeit.) oder Hanswurst, wie er leibt und lebt, auftritt, glänzt Alan Posener im Rollenfach des  "Dottore" (Dottore verkörpert meistens den gebildeten Juristen oder Gelehrten .... Dies zeigt er auch gerne durch die häufige Verwendung von Denkerposen. ...  Obwohl er sehr kurzsichtig ist, sind seine Bewegungen auf der Bühne fließend und geschmeidig, Bullshit).

Dient es der Wahrheitsfindung,  Dottore Alan Posener einen "Sinowjew im Schlafrock" zu nennen?


Wer ist Sinowjew? Grigori Jewsejewitsch Sinowjew, né Owsej-Gerschen Aronowitsch Radomyslski-Apfelbaum, war einer jener enthusiastischen Philantropen, die in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, die Menschheit in die Schöne Neue Welt, in das Reich der Freiheit, in das Arbeiter- und Bauernparadies befördern wollten. Dafür hat er weder Gedanken noch Mühen gescheut. Er war enger Weggefährte Lenins und des Gevatter Stalin.  Nach Lenins Erkrankung und Tod bildete er mit Stalin und Kamenew das Triumvirat, bis er von dem noch durchtriebeneren Menschenfreund Stalin, den er unterschätzt hatte, ausgebootet wurde.

Sinowjew fiel weder durch falsche Toleranz noch Humanitätsduselei auf. Der Mann wußte, wo gehobelt wird, müssen Späne falle. Seine Radikalität in der Verbesserung der Welt ließ noch viele Jahre später den großen deutschen Gelehrten Ernst Nolte erschauern; im September 1918 hatte Sinowjew postuliert

"Die Bourgeoisie kann einige Personen töten, wir aber bringen ganze Klassen um. ... Von den 100 Millionen Einwohnern Sowjetrusslands müssen wir 90 Millionen für uns gewinnen; was den Rest betrifft, so haben wir ihnen nichts zu sagen, sie müssen ausgerottet werden.",

während in den zwanziger Jahren der bemerkenswerte Herr Hitler mit weitaus geringeren Zahlen die Welt wieder ins Lot bringen wollte

"Hätte man zu Kriegsbeginn und während des Krieges einmal zwölf- oder fünfzehntausend dieser hebräischen Volksverderber so unter unter Giftgas gehalten, wie hunderttausende unserer allerbesten Arbeiter aus allen Schichten und Berufen es im Feld erdulden mußten, dann wäre das Millionenopfer der Front nicht vergeblich gewesen." (Mein Kampf)

Über Sinowjew könnte man Bibliotheken füllen; was man, so Alan Posener (Ernst Nolte, Thilo Sarrazin und die Stuktur des Vorurteils und mein Kommentar) jedoch auf keinen Fall tun sollte, ist, wie es Ernst Nolte getan hat, zu thematisieren, dass Sinowjew Jude war; das darf man, vermute ich, nach Alan Posener erst dann wieder, wenn Sinowjew wie andere Juden, die der Sowjetmacht dienten, Opfer der Stalinschen Säuberungen wurden. Nun, dies ist Sinowjew auf grauenhafte Weise widerfahren; Väterchen Stalin habe sich noch seine Todesangst vorspielen lassen und sich dabei königlich amüsiert.

Nach Alan Posener war die Rolle der "Juden" im Bolschewismus und Roten Terror vernachlässigbar, ihre Chancenausnutzung hinsichtlich des knappen Gutes "Aufstiegschancen" geradezu suboptimal ("Von etwa 10.000 Parteimitgliedern am Vorabend der Revolution 1917 waren gerade mal 364 jüdischer Nationalität. Im ZK herrschte ein faktisches Quorum gegen Juden, und im Rat der Volkskommissare waren zwischen 1923 und 1930 von 23 Mitgliedern gerade mal fünf jüdischer Abstammung.") - ganz im Gegensatz zum Deutschen Reich und der Weimarer Republik, in denen, so Posener, "... sich die Juden seit der Emanzipation besser an die Bedingungen der Marktwirtschaft anpassten, weil sie geistig agiler, sozial mobiler und – horribile dictu – geschäftlich erfolgreicher waren als ihre tumben, langsamen, konservativen christlichen Mitbürger. In der Konkurrenz um das knappe Gut „Aufstiegschancen“ hatten die Juden die Nase vorn..." (Quelle).  Ich verstehe nicht, warum es kontraproduktiv oder gar antisemitisch sein sollte,  darzustellen, dass neben dem geborenen Internationalisten Lenin und dem Georgier Stalin Juden wie Trotzki, Kamenew oder Sinowjew e tutti quanti eine prominente Rolle bei der Etablierung und Formierung der Sowjetmacht gespielt haben und dabei agil die gebotenen Aufstiegschancen nutzten und, wie Posener so schön sagt, ihre Nasen vorn hatten. Ich verstehe nicht ganz, warum Posener die Rolle der Juden "eskamotiert". Man kann ja immer noch fragen, wie relevant denn die ethnische Zugehörigkeit war und wie der historische Kontext für diese Rolle der Juden in der jungen Sowjetunion war.  Wenn Alan Posener dem Nazi-Schreckgespenst des "jüdischen Bolschewismus" (und Noltes Versuch, dieses Vorurteil zu verstehen) dadurch heute entgegentritt, dass die Juden nur eine ganz kleine, eine marginale Rolle gespielt hätten, zudem Sinowjew & Co keine richtigen Juden, gar Anti-Juden (Sinowjew, so Posener, "war in der Tat doppelt antijüdisch") gewesen seien, dann wirkt das - mit Verlaub - panisch, exorzistisch und auch komisch. Dann könnten auch wir Deutsche sagen, dass die Nazis keine echten Deutschen, sondern Abschaum, gar Anti-Deutsche gewesen seien, oder, wie es weiland Martin Hohmann postulierte,  "Gottlose aller Art" oder nach der Formel Poseners "Anhänger einer verbrecherischen Ideologie und Mitglieder einer verbrecherischen Organisation" (wenn es nur um die Deutschen und den deutschen Papst geht, kann Posener auch anders). [P.S. Sever Plocker, Stalin´s Jews; "anonym" sei für den hattip gedankt]

Die Sinowjew-Formel lautet "Wir bauen die Schöne Neue Welt; dafür müssen wir die Reaktionäre liquidieren". Alan Posener mit Sinowjew,  diesem Wohltäter der Menschheit, zu vergleichen, ihn einen "Sinowjew im Schlafrock" zu nennen, ist, wie man sieht, kein Vergleich, den man auf die leichte Schulter nehmen kann und leichtfertig aussprechen sollte. Ich bin mir selbst nicht sicher, ob ich damit nicht die Grenze von einer polemischer Auseinandersetzung zu einer persönlichen Denunziation überschreite. Urteilen Sie.

Alan Posener hatte im Gegensatz zu Sinowjew das Glück, für seine Überzeugung keine Bewährungsprobe ablegen zu müssen, nicht auf ein Schlachtfeld, in ein Stahlgewitter oder in eine Säuberungsaktion ziehen zu müssen. Er hatte das Glück, in einer posttraumatischen Biedermeierschen Bundesrepublik in einer letzthin unbedeutenden Sekte radikal sein zu können. Während seines Studiums war er  als Kader des Kommunistischen Studentenverbands und der maoistischen KPD-AO aktiv. Ich erinnere mich noch lebhaft an die raubdruckbeladenenen Büchertische dieser Avantgarden, von denen man darauf hin gescannt wurde, ob man verdient, in einer Fischmehlfabrik in Cuxhaven resozialiert zu werden, oder gleich von den "Massen" an den nächsten Baum befördert zu werden (siehe). Diese Kerle mit ihren Seilschaften waren dann sehr erfolgreich im langen Marsch durch die Institutionen.

Balanceakt am Axel-Springer-Verlag
Seit 1999 ist Alan Posener Kader in der WELT, u.a. auch als "Kommentarchef". Das ist keine Wandlung von einem Saulus zu einem Paulus; ganz im Gegenteil. Posener brauchte nur die Hommage an den Kapitalismus von Marx Engels wörtlich zu nehmen. Es ist nicht die kommunistische Bewegung mit ihren voluntaristischen "Avantgarden", die zu sklerotischen byzantinischen  Strukturen entarten, und ihren identifizierbaren Machtzentren (ZK, Politbüro, KGB), sondern der globalisierte Kapitalismus, in dem die "Macht", so Gerhard Schröder, immer "wo anders" ist, nicht identifizierbar, der für die alte, überkommene Welt helter skelter, Kehraus, Revolution ist; der globalisierte Finanzkapitalismus ist dabei viel effizienter. Sinowjew & Co waren zu ungeduldig, gewissermaßen anti-marxistisch, ihnen hat der Finger am Abzug gejuckt, sie haben nicht warten wollen, bis der Kapitalismus das Geschäft erledigt hat. Posener weiß es besser. Das Kommunistische Manifest ist sein Vademecum; zuletzt hat er die zentrale Passage auf "Starke Meinungen" zur Verteidigung und Lob des "Kapitalismus" in die Schlacht geworfen

"Die Bourgeoisie hat in der Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt. Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelasssen als das nackte Interesse, als die gefühllose ‚bare Zahlung’. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.
Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Thätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt.
Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältniß seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältniß zurückgeführt.
"
(Marx Engels Manifest der kommunistischen Partei 1848, Quelle)

Alan Posener ist der Überzeugung, dass alles bestens wird, wenn die Kapitalströme frei und unreglementiert in die richtigen Taschen fliessen; ich will hier nicht diskutieren, ob Posener damit richtig liegt oder einen Irr- und Kinderglauben vertritt; nicht nur George Soros ist der Ansicht, dass der Glaube an die Effizienz unregulierter Märkte religiöse Züge trägt - und wird glänzend bestätigt durch den Pontifex Maximus Lloyd Blankfein, der ex cathetra Goldman-Sachs verkündet, dass die Banken "Gottes Werk" verrichten.

Der Punkt, der durch die Frage: "Ist Posener ein Sinowjew im Schlafrock?" aufgeworfen ist, ist die Abschaffung des Alten Menschen (der Reaktionäre) und  Formung des Neuen Menschen durch den Kapitalismus - und hier ist Alan Posener sein Prophet. Der Kapitalismus ist nach dem Kommunistischen Manifest so etwas wie eine education sentimentale, die von allen frommen Flausen und sentimentalen Marotten (Familie = Patriarchat, Nation, Religion und anderen Loyalitätsstrukturen) befreit und die menschlichen Bindungen auf ihr ehrliches nacktes Interesse, die gefühllose bare Zahlung, die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung, das reine Geldverhältnis zurückführt. Gewiß, der Kapitalismus ist ein harter Lehrmeister, er ist nichts für Memmen, für Romantiker, für Idealisten.  Wir dürfen uns Posener als Menschen vorstellen, der diese Lehre verinnerlicht hat, der sein Verhältnis zu den Mitmenschen auf das nackte Interesse, die "bare Zahlung" reduziert hat. Alan Posener schlägt vor, den Kapitalismus zu "lieben", denn "Dem Kapitalismus verdanken wir einen unerhörten Wohlstand. Er war und ist in der Bundesrepublik Deutschland – viel mehr als Einigkeit, Recht und Freiheit – „des Glückes Unterpfand“." (mehr hier).  Orientierung an Werten des deutschen "Bürgertums", von denen der Kollege Thomas Schmid in der WELT beim Besuch des Roten Ochsen in Heidelberg noch schwärmt ("Bürgertum at its best: Beharrlichkeit, Cent auf Cent, harte Arbeit, dabei durchaus Lebensfreude, Lebensgenuss. Dazu der Stolz, in einer langen Reihe zu stehen, sie ruhig und bestimmt fortzusetzen. Und die Hoffnung, irgendeines von den Kindern werde die schöne Last einst auf sich nehmen. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Kleine Buddenbrooks, aber nicht in absteigender Linie. Das ist eine Geschichte von vielen, eine, die gelungener ist als manche andere." mehr hier) ist für Posener nicht nur reaktionär, sondern lächerlich (mehr hier). Nach Posener ist der "freie Westen" die "liebens- und lebenswerteste Gesellschaft, die unser Planet bislang gekannt hat" (mehr hier). Diese zeichnet sich aus durch ethische, ethnische, religiöse und kulturelle Heterogenität; ihre Postulate sind Sex, freie polymorph-perverse Liebe, Drugs und Rock´n Roll. Erotik ist ein Wachstumsmarkt, Beispiel "Thailand schuldet einen nicht unwesentlichen Teil seines Wohlstandes den Dienstleistungen seiner hübschen Mädchen und Jungen." (mehr hier) [Beim ältesten Gewerbe der Welt ist noch viel herauszuholen; hoffen wir, dass das Finanzkapital hier investiert, da könnte es noch einige Pofitcenter, Eroscenter, Cash Cows geben; diese Dienstleistungen sind wie Rohstoff- und Lebensmittelmärkte konkret und als Spekulationsobjekte gut geeignet, my darling, keine dubiosen Derivate. Michel Houellebecq, der größte Schriftsteller unserer Zeit, hat dies in Plattform wunderbar beschrieben].  Das größte Gebot von allen jedoch, wenn man das verinnerlicht hat, kann man alle anderen vergessen, ist die reine Toleranz, gerade auch gegen Widerwärtiges: Toleriere, mach ansonsten, was Du willst. Ich bin so frei, sagt die Burkaträgerin in der Maximilianstraße und der Junkie am Bahnhof Zoo... und das ist gut so. Fundament der lebens- und liebenswertesten Gesellschaft ist eine Zivilreligion, in deren Dreh- und Angelpunkt Auschwitz (das Golgatha der Moderne) steht, die ihren Kanon hat, von dem man keinen Millimeter abweichen darf (mehr hier). Noch schöner wäre diese Beste aller Welten, wenn Europa vom Nordkap bis Casablanca, von Kiew über Istambul nach Tel-Aviv sich als "mildes" und "aufgeklärtes" Imperium definieren würde, das vorbildlich in Eigenschaften wie "Freiheit des Individuums" und "Toleranz" ist, dessen imperiale Funktionselite sich keinem lästigen Wahlvolk ("Es sei gerade das vielbeklagte "Demokratiedefizit", die weitgehende Entmachtung der nationalen Parlamente und die Nichtexistenz eines europäischen Demos, was Europa zu einer imperialen Politik befähige.") stellen muss, die für den "demokratischen Kapitalismus" kämpft und damit die wahre "burden of the white man" auf sich nimmt (mehr hier und hier).

Sie sehen, Sie haben es bei Dottore Posener mit einem Philanthropen und wahren Wohlthäter der Menschheit zu tun. Schluß mit lustig und der Toleranz ist jedoch, wenn der (deutsche) Papst und das (deutsche) Volk sich noch mucksen,  sich nicht in die Schöne Neue Welt fügen wollen.  Alan Posener stinkt es ganz gewaltig, dass der Papst ihm die "lebens- und liebenswerteste Gesellschaft, die unser Planet bisher gekannt hat" madig macht und weist darauf hin" ... dass Josef Ratzinger selber, der die Demokratie als „Diktatur (sic) des Relativismus“ und die westliche Kultur als „Kultur des Todes“ diffamiert, der davon gesprochen hat, dass sich Europa „demografisch aus der Geschichte verabschiedet“ und dessen treueste Anhänger die Abtreibung als „Holocaust an den Neugeborenen“ bezeichnen,  durchaus zur Entstehung jenes gefährlichen – hier ist das Wort angemessen – Zeitgeistes beigetragen hat", mithin der spiritus rector von Anders Breivik und Konsorten ist.  (Quelle, mehr hier und hier). Nun ja, lieber Alan Posener, der Schlaf Ihrer Vernunft gebiert Ungeheuer.

Was Dottore Posener jedoch am stärksten auf den Sack und/oder Geist geht, ist, wenn einer davon besorgt spricht, dass sich Europa demographisch aus der Geschichte verabschiedet; damit ist der Papst nach Posener auch der Stichwortgeber (siehe) Sarrazins, wenn der klagt "Deutschland schafft sich ab".  Nun ist Dottore Posener nicht der Typ wie sein "Freund" Henryk M. Broder, dem das Herz schon mal nach einem reichlichen Frühstück am Zürisee auf der Zunge liegt, der dann wohlgemut plappert: "Ich halte es für grundsätzlich gut, dass das "weisse, heterosexuelle, blonde, protestantische" Europa sich verabschiedet." Was die Endlösung für die europäischen Völker angeht, ist Dottore Posener entschieden diskreter, aber genauso entschieden. "Es denkt" in Dottore Posener, schaun Sie mal:

Vaterlandsliebe gilt immer als Tugend. Kapitalismusliebe nicht. ... Warum soll ich aber Deutschland (oder Großbrittanien) mehr lieben als den Kapitalismus? Man kann einwenden, mit "Deutschland" sei nicht das Land gemeint, sondern das Volk. Umso weniger Grund, es zu lieben (Quelle) Sie verwenden einen Begriff, der weder soziologisch noch historisch noch politisch klar definiert ist: "Volk". ... Aber wie Sie sehen, ist die Frage, was - oder wer - eigentlich "das Volk" ist, eine Frage der politischen Propaganda. Wie können Sie also "Angehöriger" eines "Volkes" sein? (Quelle) Wo war der Punkt, an dem Sie plötzlich Ihre völkische Seele und die Liebe zu  biertrinkenden blonden Bestien entdeckten? (Quelle)

Der Papst und das "Volk" sind Reaktionäre, Gespenster der alten Welt. Was den Deutschen Thilo Sarrazin ("Deutschland schafft sich ab") und Frank Schirrmacher ("Der geradezu verantwortungslose Umgang mit dem demographischen Wandel ...  macht in seiner gespenstischen Abgebrühtheit einfach nur noch sprachlos." Quelle) ein Skandal ist, ist für Dottore Posener eine wünschenswerte Agenda, um die man am besten nicht soviel Wind macht. Nach einem bonmot von Reagans Verteidigungsminister Caspar Weinberger ist es für eine Sache am besten, wenn sie nicht mit einem Knall, sondern mit einem Wimmern oder Winseln zugrunde geht. Dottore Dr. Feelgood Posener kann auf das amor fati, die Apathie der Mädels und Kerle wetten, die sich hedonistisch und/oder depressiv und/oder Kapitalismus kompatibel in der Matrix, der Narkose der "lebens- und liebenswürdigsten Gesellschaft, die der Planet bislang kannte" einlullen [damit man mich nicht mißversteht: ich halte die Deutschen nicht für bedauernswerte Opfer, sondern für die größten Dummköpfe in diesem Plot]; man muss nur verhindern, dass die gute Stimmung durch Griesgrame wie Sarrazin, Schirrmacher und den Papst gestört wird, deren Stimulation  die Schlafmützen und Träumer noch zum Zucken bringen will. Sinowjew war überzeugt, dass es eines Knalls (einer Walther, einer Kalaschnikow, eines Holodorms, eines Gulags, einer Säuberung) bedarf, um die Reaktionäre auszuschalten und die Schöne Neue Welt zu errichten; die "Posener-Formel" ist bedeutend eleganter:

"Volk" (und andere autonome Systeme bzw. Subsysteme wie Familie, Religion, Kultur etc.) ist was ganz Schlechtes. Dieses muss so geräuschlos wie möglich eskamotiert und in freie Elementarteilchen umgewandelt werden. Diese Elementarteilchen können umstandslos durch andere Elementarteilchen, die ebenfalls von von Volk und anderen Atavismen befreit sind, ersetzt werden. Je reibungsloser und unbeachteter das in der lebens- und liebenswürdigsten Gesellschaft läuft, desto besser.

Eros ist nach Sigmund Freud die Kraft, die Bindungen aufbaut, die Selbsterhaltung und Erhaltung der Art will; Alan Posener ist der Prophet der Destruktion von Bindungen, nach Freud ein Agent des Thanatos, nach Ratzinger ein Agent einer "Kultur des Todes".  - Erlauben Sie mir, Alan Posener einen "Sinowjew im Schlafrock" zu nennen? Oder einen "Sinowjew im Schafspelz"? Oder fällt Ihnen etwas besseres ein? Oder habe ich überzogen, überzeichnet?

P.S. Alan Posener ist signifikant inkohärent. Sein Hic Rhodos, hic salta wäre, wenn er die Kritik an "Volk" (und anderen Loyalitätsstrukturen) an dem paradigmatischen "Volk", an Am Israel, Volk Israel testen würde. Darum schleicht er jedoch herum wie der Teufel um das Weihwasser. Die treuen Leser dieses Blogs wissen, dass ich ein  ambivalentes Verhältnis zu der Berufung Israels als Or HaOlam, Licht der Welt habe. Manchmal schadet es jedoch nicht, von dort eine Lehre anzunehmen,  die Wertungen von Mischpoke, Familie und Nation zu reflektieren. Auf der Achse des Guten hat Dr. Benny Peiser einen schönen Text von Robert S. Wistrich Britain´s sick society eingestellt.

"During the last 40 years Britain has seen the breakdown of the family, households with absent fathers, high divorce rates in general, and the encouragement of a sexual free-for-all, embroidered by the dominant clichés of lifestyle choice. Liberal and leftist intellectuals have continued their relentless assault on British national identity in the name of multiculturalism and “anti-imperialism”; calls for drug liberalization became increasingly frequent; education has become more and more “child-centered,” leaving issues of sexual morality and drug-taking largely in the hands of teenagers themselves. 

... The thin façade of civilization protecting us from barbarism and mob rule has been exposed to full view. No society in which a significant sector of its youth are without fathers, without guidance, educational qualifications, modern skills or positive ambitions can expect to survive, let alone prosper. The writing is on the wall for all to read."

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-3342999,00.html

Castollux hat gesagt…

Vielleicht rettet mich jetzt ein Abstecher zu Alan Posener. Posener scheint ein psychologisch interessanterer Fall zu sein.

Semantik-Regel:

Eine neuen Satz sollte man nie mit dem letzten Wort des vorhergehenden weiterführen ;-)

Oscar Mercator hat gesagt…

@ Anonym

Danke für den Link. Habe ihn in den Artikel gestellt; hoch interessant ist der Kommentarstrang.

@ Castollux.

Danke, Sie haben recht; habe jetzt allerdings nicht ausgebessert.

Anonym hat gesagt…

@Castollux
Vielleicht war es auch ein bewusst eingesetztes Stilmittel? Einzigwahr schreibt man ja gewöhnlich auch nicht zusammen.

@Mercator
Faszinierender Artikel. Sie haben Ihren Beruf verfehlt, sie werden noch ein richtiger Altersschriftsteller, wie Fontane.

Anonym hat gesagt…

Die Kritik vorab: Ihre Art und Weise zu zitieren ist unlauter ! Wenn Sie ein Sinowjew-Zitat veröffentlichen, sollten Sie auch die Quelle angeben. Das sollte Ihnen doch nicht schwerfallen, da Sie ja im Text angeben, dass "über Sinowjew Bibliotheken gefüllt werden könnten" ...

Doch jetzt zum eigentlichen Problem. Die "einzig-wahren-Freunde-Israels" haben natürlich einige 'Leichen im Keller', das ist die Rolle der Juden in der russischen Opposition (--> was eigentlich ja auf ihre Herkunft hinweist, siehe dazu das bekannt Buch von Shlomo Sand ....). Selbstverständlich gehört dieser Abschnitt nach offizieller Lesart nicht zur "jüdischen Geschichte", dies wird auch noch für einige Zeit ein Erfolgsmodell der offiziellen Geschichtsschreibung bleiben. Ermutigend sind hierbei die Beiträge der Historikerin Sonia Margolina.

Nun zu ihrem Vergleich: Alan Posener fehlt trotz ML-Vergangenheit das Format, das die führenden Bolschewiki wohl gehabt haben müssen. Er ist nach dem "langen Marsch" durch die Institutionen dort gelandet, wo er und Henryk Marcin Broder eigentlich immer hin wollten. Insofern hinkt der Vergleich. Auch hat er nicht, wie Sinowjew, Radek und Bela Kun (am 3. Sept. 1920 in Baku: "Konferenz der Völker des Ostens") die Muslime nicht zum "Jihad" aufgerufen. Da auch die Briten, enttäuscht darüber, dass ihre Hand nicht zu den Ölfeldern Bakus reicht, hatten natürlich auch mindestens 3 Informanten auf dieser Konferenz. Am 23. September 1920 schreibt die Londoner 'Times':

"... Bei dieser bemerkenswerten Zusammenkunft rief Apfelbaum, der sich als „Sinowjew“ maskiert, zu einem „heiligen Krieg gegen die Imperialisten“ auf und 1800 türkische, kurdische, persische, arabische und tatarische Delegierte zogen ihr Schwert als ein Zeichen der „Akzeptanz des Jihads“. Apfelbaum ist Jude, wie sein Gefährte Bela Kun oder Cohen von Budapest, der auch in Baku war; und von allen seltsamen Vorgängen, die sich in den letzten Jahren ereigneten, ist wohl keiner seltsamer, als das Spektakel zweier Juden, einer von ihnen ein verurteilter Taschendieb, die die islamische Welt zu einem neuen Jihad aufrufen ..."

Insofern sind Posener und seine Freunde nicht einmal Sinowjews im "Westentaschenformat". Nicht einmal Radek passt für sie !

Oscar Mercator hat gesagt…

Unlauter? Ich gebe zu, dass ich an dieser Stelle meinen üblichen Standards nicht genüge, dass ich immer die Quellen angebe und auf sie verlinke. In der von mir verlinkten Post (http://starke-meinungen.de/blog/2011/01/04/ernst-nolte-thilo-sarrazin-und-die-struktur-des-vorurteils/) hat Posener Ernst Nolte zitiert, der wiederum aus der Lenin Biographie von David Shub zitiert hat.

Ich hoffe, dass es hinglänglich deutlich geworden ist, warum ich Posener mit Sinowjew verglichen habe (Liquidierung des Alten Menschen, Schaffung des Neuen Menschen); ob Posener das Format für das "Triumvirat" gehabt hätte, will ich offenlassen, es gibt ja subalterne "Gesinnungsgenossen". Wichtig ist dann der Unterschied; ein Sinowjew im Schlafrock ist kein Sinowjew redivivus.

Anonym hat gesagt…

der sinowjew-aufruf wurde in der "severnaia komuna", no. 109 vom 19. September 1918, S. 2 veröffentlicht.

bitte verifizieren ! (wenn man die dicke berta lädt, sollte man wenigestens nicht nur das kaliber, sondern auch die herkunft des geschosses kennen !)