Freitag, 29. Oktober 2010

Jorge Luis Borges, Ein Theologe im Tod

Bernd Dahlenburg a.k.a sola fide (auf gut deutsch: allein aus dem Glauben) gewidmet.
"Sie haben sich jetzt auf mich eingeschossen.
Aber ich habe dich, unsere Freunde und Gott auf meiner Seite.
Herzliche Grüße
Bernd " (Quelle)

Die Engel haben mir mitgeteilt daß Melanchton, als er verschied, in der anderen Welt ein Haus zugeteilt bekam, welches dem, das er auf Erden innegehabt, täuschend ähnlich war. (Nahezu allen, die erst jüngst in der Ewigkeit eingetroffen sind, widerfährt das gleich, und deshalb glauben sie, sie seien nicht gestorben.) Die häuslichen Geräte waren gleich: der Tisch, das Schreibpult mit seinen Fächern, die Bibliothek. Als nun Melanchton in dieser Behausung erwachte, nahm er seine literarischen Obliegenheiten wieder auf, als sei er kein Leichnam, und schrieb einige Tage lang über die Rechtfertigung durch den Glauben. Wie es seine Gewohnheit war, sagte er nicht ein Wort über die Liebe. Die Engel bemerkten diese Weglassung und schickten Personen zu ihm, die ihn hierüber befragen sollten. Melanchton sagte ihnen: "Ich habe unwiderleglich bewiesen, dass die Seele der Liebe entraten kann und dass, um in den Himmel einzugehen, der Glaube genügt." Diese Worte sprach er hochmütig und wußte nicht, dass er schon tot war und sein Ort nicht der Himmel. Als die Engel seine Worte vernahmen, wichen sie von ihm. 
Kaum waren ein paar Wochen vergangen, da fingen die Einrichtungsgegenstände an, bis zur Geisterhaftigkeit unsichtbar zu werden, ausgenommen der Schreibsessel, der Tisch, die Blätter Papiers und das Tintenfaß. Außerdem wurden die Wände des Gemachs kalkfleckig und der Boden wie gelber Firnis. Sogar die Wäsche, die er trug, war viel gewöhnlicher. Desungeachtet fuhr er mit dem Schreiben fort, aber da er auf der Leugnung der Liebe beharrte, verbrachten sie ihn in eine unterirdische Werkstatt, wo es andere Theeologen gleich ihm gab. Hier saß er einige Tage gefangen und begann an seiner These zu zweifeln, worauf sie ihm die Rückkehr gestatteten. Seine Leibwäsche war aus ungegerbtem Leder, aber er versuchte sich einzubilden, dass das vorige Erlebnis eine blosße Wahnvorspiegelung gewesen sei und fuhr fort, den Glauben zu verherrlichen und die Liebe zu verleumden. Eines Abends fühlte er sich kalt. Da ging er durch das Haus und stellte fest, dass die übrigen Gemächer nicht mehr denen seiner Behausung auf Erden entsprachen. Eines war angefüllt mit unbekannten Geräten, ein anderes war so klein geworden, dass man unmöglich hineingehen konnte, wieder ein anderes hatte sich nicht verändert, aber seine Fenster und Dünen gingen auf große Dünen hinaus. Das letzte Zimmer war voll von Personen, die ihn vergötterten und immer wieder zu ihm sagten, kein Theologe sei ihm an Weisheit gleich. diese Vergötterung behagte ihm, aber da eine dieser Personen kein Gesicht hatte und andere tot zu sein schienen, verabscheute und beargwöhnte er sie schließlich. Da entschloß er sich, einen Lobpreis auf die Liebe zu schreiben, aber die heute geschriebenen Seiten erschienen am nächsten Morgen ausgelöscht. Dies geschah, weil er sie ohne Überzeugung schuf. 
Er empfing zahlreiche Besuche von jüngstverstorbenen Leuten, aber er empfand Scham, dass er sich ihnen in einer derart schmutzigen Behausung zeigen mußte. Um sie glauben zu machen, er sei im Himmel, verabredete er sich mit einem Hexenmeister von denen aus dem letzten Zimmer, und dieser täuschte sie mit allerlei Belndwerk von Glanz und Heiterkeit. Kaum jedoch zogen die Besucher sich zurück, so erschienen wieder die Armseligkeit und der Kalk, manchmal auch ein bisßchen früher.
Die letzten Nachrichtern von Melanchton besagen, dass der Magier und einer der Männer ohne Gesicht ihn in die Dünen hinausführten, und dass er heute eine Art Knecht der Dämonen ist.
(Aus dem Buch Arcana Coelestia von Emanuel Swedenborg)

Aus: Jorge Luis Borges, Erzählungen, Carl Hanser Verlag München Wien 1991, S. 75f)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Erst die Sufis, dann Sie... Armer Dahlenberg!

Aber hier mal was lustiges zur Abwechslung:

http://brodaganda.files.wordpress.com/2010/09/dsc04439.jpg


mfg

Bayreuther

Anonym hat gesagt…

Borges Text ist grandios. Haben Sie damit Bernd Dahlenburg und andere Israel-Theologen nicht endgültig zu Tode erschreckt?

Oscar Mercator hat gesagt…

Ich hoffe nicht. Um mit Bernd Dahlenburg zu sprechen, ich hoffe damit, die Sensibilität des Gewissens zu aktivieen.