Dienstag, 15. März 2011

David Harnasch: Warum ich über die Kernkraftwerke in Japan nicht beunruhigt bin

"Wenn Sie mitreden wollen, MÜSSEN Sie diesen Text lesen. Sie wissen anschließend mehr als jeder einzelne Redakteur, der die Ereignisse bei der Aufbereitung verfälscht. Die erste akkurate, für Laien verständliche Erklärung der Vorgänge in Fukushima"

hat uns David Harnasch, Starautor auf der Achse des Guten, angeboten. Das ist ein Angebot, dem wir nicht widerstehen sollten, auf einen Schlag mehr über Atomkraftwerke zu wissen "als alle Journalisten unseres Planeten zusammen"; das erspart uns Wege und Umwege, die eine oder andere andere Seite zu hören (audiatur et altera pars) können wir uns auch ersparen. Dies ist DER kanonische Text "Jetzt auch auf Deutsch: Warum ich über die Kernkraftwerke in  Japan nicht beunruhigt bin".

"Zunächst:", eröffnet Dr. Josef Oehme, MIT Boston, "Die Situation ist ernst, aber unter Kontrolle." Verbindlich sagt er zu "Es hat *keine* und wird *keine* signifikante Freisetzung von Radioaktivität (ge)geben."

Kurzfassung: Die Situation ist ernst, aber unter Kontrolle. Es kann alles falsch kalkuliert sein, es kann alles schief gehen, aber der innere, dritte Container hält auf Teufel komm raus. Inzwischen teilt uns David Harnasch in einem Update mit

"Korrektur 20:40 Uhr: Die japanischen AKW haben keine Core Catcher, sind aber aus Gründen des Erdbebenschutzes auf massive Gesteinsschichten gebaut. (Inwieweit die bei einem Meltdown die Brühe auffangen würden, versuche ich grade herauszufinden.) DH" - David Harnasch, wird die "Brühe" bei der Kernschmelze aufgefangen oder nicht? Und was ist damit? Fukushima-Arbeiter in höchster Strahlengefahr und Betreiber gibt Kontrollraum auf. Das Ungeplante ist die Guillotine der Wahrheiten.

Langfassung:

Dr. Oehme macht uns zuerst mit den Grundlagen vertraut und gibt dann eine Chronologie der Ereignisse:

1. "Das Erdbeben, welches Japan traf, war 7 mal stärker als das stärkste Erdbeben, für das das Kernkraftwerk ausgelegt war... Hier gibt’s ein erstes „Hurra“ für die japanische Ingenieurskunst: Alles hat gehalten."  - Ist das Schwein oder Verdienst der japanischen Ingenieurskunst, die plante und kalkulierte, das KKW auf ein Erdbeben "auszulegen", das 7 mal schwächer als das eingetretene war?. Die Situation ist ernst (schlimmer als gedacht), aber unter Kontrolle.

2. "Das Erdbeben zerstörte die externe Stromversorgung des Atomreaktors. Dies ist einer der ernstesten Unfälle für ein Atomkraftwerk, und darum wird bei der Planung von Notfallsystemen besonderes Augenmerk auf einen „kompletten Stromausfall der Anlage“ gelegt. ...
Eine Stunde lang ging alles gut. Ein Satz Diesel- Notstromaggregate (und davon gibt es mehrere Sätze) sprang an und stellte die benötigte Elektrizität zur Verfügung. Dann traf der Tsunami ein, ebenfalls viel stärker als beim Bau des Kraftwerks geplant (siehe oben, Faktor 7). Der Tsunami zerstörte alle vorhandenen Notstromaggregate. " - Die Situation ist ernst (schlimmer als gedacht), aber unter Kontrolle.

3. "Bei der Planung eines Atomkraftwerks folgen die Ingenieure einer Philosophie, die man „Verteidigung in der Tiefe“ nennt. Das bedeutet, daß man zunächst alles so baut, daß es der größten vorstellbaren Katastrophe widersteht und dann das Kraftwerk so auslegt, daß es dann immer noch ein Systemversagen (von dem man glaubte, daß es nie passieren könnte) nach dem anderen bewältigen kann. Ein Tsunami, der die Gesamte Notstromversorgung auf einmal ausschaltet, ist ein solches Szenario." - 

4. "Die Notstromaggregate waren durch den Tsunami zerstört worden. Also wurden fahrbare Stromaggregate herangefahren. Hier begannen Dinge ernsthaft schiefzugehen. Die externen Stromaggregate konnten nicht mit dem Kraftwerk verbunden werden (die Stecker paßten nicht). " - Menschliches Versagen.

5. "An diesem Punkt beginnt die Betriebsmannschaft Notfallplänen zu folgen, die im Falle eines „Kühlverlustes“ greifen. Dies ist ein weiterer Schritt der „Verteidigung in der Tiefe“. Die Stromversorgung des Kühlsystems hätte nie vollständig versagen dürfen, trotzdem tat sie es. Darum zieht sich die Mannschaft zur nächsten Verteidigungslinie zurück. So schockierend das für uns sein mag, dies ist ein Teil des täglichen Trainings, welches man als Betreiber durchläuft, bis hin zum Beherrschen einer Kernschmelze. " - Die Situation ist ernst (schlimmer als gedacht; die Stromversorgung tat etwas, was sie nie und nimmer hätte tun dürfen), aber unter Kontrolle.

6. "Zu diesem Zeitpunkt tauchen die ersten Berichte über „Strahlungslecks“ auf. Ich glaube ich habe oben erklärt, warum das Dampfablassen theoretisch das Gleiche ist wie Strahlung in die Umgebung abzulassen, warum das aber nicht gefährlich ist. Der radioaktive Stickstoff und die Edelgase stellen keine Gefahr für die menschliche Gesundheit dar.
Irgendwann während des Druckablassens erfolgte die Explosion. Diese Explosion fand außerhalb des dritten Sicherheitsbehälters (der Kugel, unserer „letzten Verteidigungslinie“) statt und beschädigte das Reaktorgebäude. Denken Sie daran, daß das Reaktorgebäude keine Funktion beim Einschließen der Radioaktivität hat." - Die Situation ist ernst, aber unter Kontrolle.

7. "Die Betreiber entschieden sich dafür, den Dampf aus dem Druckbehälter nicht direkt in die Umgebung, sondern in den Zwischenraum zwischen dem dritten Sicherheitsbehälter (die Kugel) und dem Reaktorgebäude abzulassen (um der Radioaktivität im Dampf mehr Zeit zum Abklingen zugeben). Das Problem ist, daß bei den hohen Temperaturen, die der Kern zu diesem Zeitpunkt erreicht hatte, Wassermoleküle sich in Wasserstoff und Sauerstoff zu trennen beginnen – eine höchst explosive Mischung. Und sie explodierte auch – außerhalb des dritten Sicherheitsbehälters, was zur Beschädigung des darum gebauten Reaktorgebäudes führte. " - Die Situation ist ernst, aber unter Kontrolle.

8. "Die Kühlung konnte nicht wiederhergestellt werden, bevor ein Teil (ein begrenzter Teil, aber immerhin) der Brennstoffhüllen beschädigt wurde. Das nukleare Material war immer noch intakt, aber das umgebende Zirkalloy hatte zu schmelzen begonnen. Was nun passierte, war, daß ein Teil der Nebenprodukte des Uranzerfalls – Cäsium und Jod – sich mit dem Dampf zu vermischen begannen. Das größere Problem, das Uran, war immer noch unter Kontrolle, solange die Temperatur unter 3000 °C blieb." - Die Situation ist ernst, aber unter Kontrolle.

9. "Es scheint, als wäre dies das Startsignal für einen großen „Plan B“ gewesen. Die gemessenen kleinen Mengen Cäsium waren für die Betriebsmannschaft das Zeichen dafür, daß das erste Sicherheitsbehältnis eines der Brennstäbe irgendwo kurz davor stand zu versagen. Plan A hatte vorgesehen, eines der regulären Kühlsysteme des Reaktorkerns wiederherzustellen. Warum das nicht gelang, ist unklar." - Die Situation ist ernst (Plan A gescheitert), aber unter Kontrolle (großer "Plan B").

10. "Plan A hatte aber versagt – Kühlsysteme ausgefallen oder zusätzliches reines Wasser nicht verfügbar – also trat Plan B in Kraft. Anscheinend geschah dies:
Um eine Kernschmelze zu verhindern, begannen die Betreiber damit, Meerwasser zur Kühlung einzusetzen. ... Die Anlage stand kurz vor einer Kernschmelze. Dies ist das worst-case-Szenario, welches verhindert wurde: Wenn man kein Seewasser zur Kühlung hätte nutzen können, hätte die Bedienungsmannschaft weiterhin Dampf abgelassen, um weiteren Druckaufbau zu verhindern. Das dritte Sicherheitsbehältnis (die Kugel) wäre dann komplett versiegelt worden, um die Kernschmelze stattfinden zu lassen, ohne daß Radioaktivität in die Umgebung entweicht." - Die Situation ist ernst - aber total unter Kontrolle. Es kann alles ganz anders kommen, als geplant, es kann alles schiefgehen, aber Murphy´s Gesetz (Whatever can wrong, will go wrong) wird widerlegt: Der dritte Sicherheitsbehälter hält.

11. Mit stoischer Ruhe registriere ich das Update von David Harnasch

"Korrektur 20:40 Uhr: Die japanischen AKW haben keine Core Catcher, sind aber aus Gründen des Erdbebenschutzes auf massive Gesteinsschichten gebaut." 

und warte auf das Ergebnis seiner Recherche, "inwieweit die bei einem Meltdown die Brühe auffangen würden."

Isset nu dicht odder nich? Für uns kann das, sei´s wie es sei,  kein Grund zur Besorgnis oder gar Hosenscheissen sein; ich lasse mich immer gerne von der Achse des Guten beraten


Don´t worry be happy! Das trifft nicht uns, das trifft die Japaner. Ich bin mal gespannt, wieweit die "Verteidigung in der Tiefe" auf der Achse des Guten noch gehen wird.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Großartig geschrieben, Herr Kaufmann!
Ich bin immer wieder fasziniert, in welchen Disziplinen die EWFI (Einzigwahren Freunde Israels) bewandert sind.
Ich sehe dem ganzen Verlauf nun auch ruhig entgegen, selbst wenn Plan B versagen sollte, ist das AKW ja auf unerschütterlichem Felsgestein gebaut.
(Eine Feste Burg ist unser G'tt! - und das AKW der japanischen Ingenieurskünstler sicher auch)

mfg

Da.

Anonym hat gesagt…

es ist immer wieder schön zu lesen, wie leute mit mossad-t-shirt die welt erklären können !!!!!

eigenartigerweise wissen sie nicht das der "fels" eben auch bruchkanten hat, wo man das ding mit den bruchkanten doch beim hinauswurf alan poseners sich hätte vergegenwärtigen können ....

Anonym hat gesagt…

In der Tat, absolut ekelhaft. Benny Peiser ist zudem die Oberhärte. Ein drittklassiger Sportwissenschaftler, der sich radebrechend zu hochkomplexen Themen äussert, über die er vor dreissig Jahren mal einen Buchklappentext flüchtig überflogen hat. Es wäre lustig, wenn es nicht traurig wäre.
Ich überlege... würde sich die japanische Botschaft wohl über zwei freiwillige "Liquidatoren" freuen? Das wäre eine winwin-Situation. Wir hätten zukünftig Ruhe vor Harnasch und Peiser, und die beiden könnten zumindest einmal in ihrem erbärmlichen Leben etwas wirklich SINNVOLLES tun. Wäre doch schön, oder?

Anonym hat gesagt…

@Anonymus I:
Was soll das immer mit dem Mossad-T-Shirt? Glauben Sie, der Mossad ist noch fahrlässiger in der Auswahl seiner Mitarbeiter als der Allerhöchste? (OK, sinngemäß wiedergegeben)

@Anonymus II:
Bemerkenswerter Weise hat Harnasch nachgebessert, auch sein Experte ist nicht ganz so gut, wie er dachte:

Dr. Oehmen (der übrigens nicht, wie ich gestern schrieb, selbst Kraftwerkstechniker ist - das war sein Vater [...])

Vielleicht ist er auch gar kein Doktor, sondern nur sein Onkel? Der vielleicht auch noch KT Guttenberg heißt?

Anonym hat gesagt…

Und hier mal seriösere Informationen:

"Man hat Ideen, aber die sehen sehr verzweifelt aus."

Sieht das nach einer trainierten Situation aus? Ist das die Verteidigung in der Tiefe?
Aber halt: Wir wissen ja mehr als alle Journalisten zusammen.
Also doch wieder:
Die Situation ist ernst, aber unter Kontrolle

mfg

Da.

rotefreiheit hat gesagt…

.... schöner Artikel!
habe ihn mal verlinkt!

mfg