Donnerstag, 31. März 2011

Gastbeitrag: Darimund, Diese Fragen bleiben offen, Herr Mercator!

Gerne veröffentliche ich als Gastbeitrag von Darimund: 

Diese Fragen bleiben offen, Herr Mercator!

Darimund hat sich extensiv und intensiv auf diesem Blog umgesehen und stellt mich zur Rede. Das eine oder andere an meinem discours de la méthode findet er fragwürdig.  Er bittet mich auf den Punkt zu kommen. Auszug:

"Diese Anomalie der einzigwahren Freunde Israels macht es leicht, sie zu kritisieren, auch ohne sich wirklich mit dem eigentlichen Thema auseinanderzusetzen. (Und das ist schade.)"

Antwort im Kommentarbereich.

Kommentare:

Oscar Mercator hat gesagt…

@ lieber Darimund,
nicht leicht machen Sie es mir, einem Flaneur, der durch trüb beleuchtete Gassen und Höhlen streift, eher im Acheron als im Paradies die eine oder andere Frucht der Erkenntnis findet und vom Boden hebt, wenn Sie mich auffordern, endlich zur Sache zu kommen, mich endlich mit dem eigentlichen Thema auseinanderzusetzen und mal richtig Farbe zu bekennen, anstatt mich hinter Zitaten und Gastbeitägen zu verstecken.

Ich möchte Ihre Fragen in zwei Komplexen zusammenfassen, 1. Israel, 2. meine Methode.

1. Zu Israel: Vielleicht helfen Ihnen zwei grundsätzliche Überlegungen. In seinem Buch "Der Gelbe Wind" bereits 1988 während der 1. Intifada geschrieben, schildert David Grossmann eine Begegnung:

"Eigentlich ein Frage von nebensächlicher Bedeutung, sagte ich, nicht einmal Bestandteil der Diskussion darüber, wer im Recht sei, wir oder die Araber. die Rechten oder die Linken. Ich sei einfach neugierig zu erfahren, ob sie sich in die Lage ihrer arabischen Nachbarn versetzen und mir sagen könnten, was Ihrer Meinung nach für die Araber das Schlimmste an der Besetzung sei....Nehmen wir an, ihr habt Recht, eure Meinung ist hundertprozentig richtig und die Geschichte wird das auch mit der Zeit bestätigen. Ich möchte euch also jetz nur um etwas gedankliche Beweglichkeit bitten und wiederhole meine Frage: In welcher Beziehung spürt ein Araber in Silwad oder in Ain Jabrud eure - in euren Augen gerechtfertigte - Anwesenheit hier am meisten, in einer Gegend, die er als seine Heimat betrachtet, wo erlebt er eurer Meinung nach diesen Einfluss am stärksten in seinem Alltag, in seinen Gedanken, im Verhältnis zu seinen Kindern? ...sie [die Siedler von Ofra] gestatteten sich nicht eine Sekunde des Mitgefühls und der Anteilnahme am Leben der Menschen, deren Schicksal mit dem ihren so eng verwoben ist. ...Dann sagte Jehuda, die Antwort sei einfach: er wolle auch nicht eine Minute lang über die Lage der Araber in seiner unmittelbaren Umgebung nachdenken, weil er sich im Streit mit ihnen befinde, im Krieg, sagte er, und er würde sich selbst schwächen und in Gefahr bringen, wenn er sich gestatte, mitleid mit ihnen zu empfinden oder sich mit ihnen zu identifizieren. Die Leute im Saal nickten. Zustimmendes Gemurmel breitete sich aus." (Kap 4, Habt bloß nicht zuviel Mitleid; ich habe darüber hier: http://von-den-einzigwahren-freunden-israels.blogspot.com/2010/01/claudio-casula-blockadekrafte.html darüber meditiert).

Fortsetzung

Oscar Mercator hat gesagt…

@ Darimund, Fortsetzung

Zur gleichen Zeit gab der große jüdische Denker Jeshayahu Leibowitz eine für mich sehr plausible Definition des Zionismus:

"Ich definiere den Zionismus folgendermaßen: Wir Juden haben genug von der Herrschaft der Gojim über das jüdische Volk. Möglicherweise ist die Herrschaft der Nicht-Juden heute sehr gut - fragen Sie jeden amerikanischen Juden und er wird Ihnen das bestätigen -, aber es gibt Juden, die genug davon haben, dass Nicht-Juden über sie herrschen. Das ist das ganze Wesen des Zionismus"

Und zu einem Programm für die Lösung des Konfliktes zwischen Israel und den Palästinensern befragt

"Meine politisches Programm fordert die Teilung des Landes zwischen dem jüdischen und dem palästinensischen Volk. Ich lehne den Autonomieplan mit aller Schärfe ab, denn dieser Plan ist nichts anderes als ein heuchlerischer und gemeiner Trick, um die jüdische Gewaltherrschaft über das palästinensische Volk aufrechtzuerhalten."

Das vor mehr als zwanzig Jahren; m.E. sind diese Überlegungen immer noch aktuell. Was die "einzige Demokratie im Nahen Osten" angeht: Wenn die besetzten Gebiete nicht zu Israel gehören, ist Israel eine Demokratie + eine Besatzungsmacht, die über ein anderes Volk in dessen Gebiet herrscht; wenn die Gebiete, Samaria und Judäa zu Israel integral gehören, ist Israel keine Demokratrie im Sinne "one man, one vote", dann gibt es wie in antiken Demokratien Freie und Unfreie (oder Scheinautonome). Ihre Frage "Ist es falsch festzustellen, dass jegliche Freiheit die den Palästinensern bisher von Israel gewährt wurde, gegen Israel verwendet wurde" zeigt die Fragwürdigkeit. Gesetzt, Ihr Satz stimmt, impliziert er, dass "jegliche Freiheit" wie in feudalen Verhältnissen "gewährt" wird; Sie können auch in Zuchthäusern mehr Freiheiten gewähren, längeren Hofgang, längere Fernsehzeiten, häufigeren Besuch von Verwandten etc. Nach Ansicht der EWFI ist die Besatzung offenbar eine wellness-Besatzung, die beste und schönste seit Erschaffung der Welt. Die Ambition der Palästinenser scheint jedoch zu sein, nicht von Juden beherrscht zu werden, wie die Juden - nach Leibowitz - nicht von Gojim beherrscht werden wollen, selbst zu bestimmen, souverän zu sein, Herr sein, nicht Knecht sein. Für Beherrschte ist Freiheit ein Traum, für die "Freien" vielfältige Herausforderung.

Verstecke ich mich hinter MondoPrinte? Ich habe seine Post als Gastbeitrag bei mir aufgenommen, weil er, ich wiederhole es noch einmal, ein leidenschaftliches Plädoyer gegen blinde und willkürlicher Gewalt gehalten hat - auch wenn er die Siedler als "Verbrecher" bezeichnet hat. Selbst "Verbrecher", geschweige denn Kinder, dürfen nicht abgeschlachtet werden. Dazu und zu den Gänsefüßchen um Ortsnamen können Sie ihn direkt auf seinem Blog befragen.

Fortsetzung

Oscar Mercator hat gesagt…

@ Darimund, Fortsetzung

2. Zu meiner Methode: Die Personen, mit denen ich mich beschäftige, repäsentieren bestimmte Ansichten und Apologien; um etwas Spaß zu haben, stelle ich sie mir als Figuren der Commedia dell´arte vor (siehe: Kleine Anatomie der EWFI). Sie haben ja selbst die Anomalie der EWFI, ihr "Glaubenspaket" dargestellt, was zuweilen, da haben Sie recht, die Polemik relativ einfach macht. Ich habe immer - oft staunend - gefragt, ob diese Kämpfer Dienste oder Bärendienste für ihre Agenda, Israel, leisten. Hat Israel diese Vorkämpfer verdient oder nicht verdient? Ich habe jedoch nicht die "dümmsten Beispiele" herausgesucht und die anderen systematisch übersehen - dann müßten Sie mir schon die "besseren und besten Beispiele" (best practises) nennen. Wenn ich einen Beitrag für gut oder erhellend gefunden habe, habe ich mich nicht davor gescheut, diesen lobend hervorzuheben, so z.B. Henryk M. Broder, Chapeau! (http://von-den-einzigwahren-freunden-israels.blogspot.com/2011/02/henryk-m-broder-chapeau.html).

Bernd Dahlenburg ist ein sehr eigenartiger Fall. Sie haben recht, ich habe ihn ungebührlich oft gefeiert. Andererseits ist er gar nicht so unbedeutend, wie Sie ihn wahrnehmen; zusammen mit Herbert Eiteneier betreibt er Medien-Backspin (http://backsp.wordpress.com/), publiziert auf HaOlam (http://www.haolam.de/?site=themen&de=18) und Free Iran Now (http://freeirannow.wordpress.com/author/castor89/), ist Mitglied des "Anti-Defamation"-Netzwerks Honestly Concerned (http://www.honestlyconcerned.info/backspin.html). Wenn Sie einen Eindruck haben wollen, wie Bernd Dahlenburg zusammen mit seinen Spießgesellen (heplev, d.i. Herbert Eiteneier, BillBrook, Lukas Lehmann) auf fremden Blogs für seine Sache streitet, können Sie das hier (http://joergrupp.de/das-bundesverdienstkreuz-fur-eine-israelkritikerin/).

"Warum sachlich, wenn es auch persönlich geht?" - Ich zitiere, belege meine Aussagen und Interpretationen mit Links. Wenn sich jemand bloßgestellt fühlt, hat er das sich selbst zu verdanken; wenn sich jemand falsch dargestellt fühlt, kann er das berichtigen. Nicht wäre mir lieber als eine "Falsifikation". Das wurde mir bisher von Broder & Co verwehrt. Nicht abstreiten will ich meinen Genuß, wenn ich die Klinge gut führe (das tue ich nicht immer). Bedenken muß ich jedoch dabei den Freudschen Terminus "Identifikation mit dem Angreifer", kurz und auf Deutsch, dass man seinem Gegner ähnlicher wird, als einem lieb ist. Und natürlich muß ich mich auch fragen, ob mir diese Auseinandersetzung noch noch einen geistigen Gewinn bringt oder zur Wahrheitsfindung beiträgt.

Ich kooperiere ausschließlich, in dem ich Links setze (in hohem Maße) bzw. durch Links, die auf meinen Blog bzw. Posts gesetzt werden. Es gibt keine Nebenabsprachen und kein backstage. Erhard Arendt hat, bevor ich meinen Blog eröffnete, hin und wieder offene Schreiben an Henryk M. Broder auf seiner Seite eingestellt; aber das hätte auch Broder in seinem "Sparringsring" oder jeder andere Adressat machen können. Ihre Bewertungen will ich nicht kommentieren, ich selbst schürfe, wie Sie gesehen haben, Gold und Talmi aus den unwahrscheinlichsten Minen.

Darimund hat gesagt…

Danke für die ausführliche Antwort!
Darf ich diese auf meinem Blog als Gastbeitrag einstellen?
Den zeitlichen Ablauf ihrer Publikationen bei Arendt habe ich nicht genau erkannt, es machte für mich den Eindruck einer andauernden Zusammenarbeit. Ich schätze Arendt und Melzer nicht sehr, Melzer noch weniger als Arendt, aber das ist meine persönliche Meinung, und ja, auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.
Der Link auf joergrupp.de war sehr informativ, hier sieht man den Medienbackspinner mal in Aktion! Aber auch wenn er einige Blogs betreibt, meine ich, dass seine Rufe meist ungehört verhallen. Allerdings: Honestly-Concerndet war auch bei der Israel-Konferenz in Frankfurt dabei, ist m.E. also nicht zu unterschätzen.
(Weil der Mailwechsel mit Palmer bei Rupp erwähnt wurde: Hier hat sich Broder richtig blamiert, ich schätze Palmer sehr und die Veröffentlichung hat gezeigt, dass er Broder weit überlegen ist oder zumindest mehr Benehmen hat.)

Zur Israelfrage: Weil Sie so gerne zitieren, mache ich das jetzt auch:
Binyamin Netanyahu, 28.03.2011:
„Das zweite Prinzip für Frieden mit den Palästinensern: Anerkennung, gegenseitige Anerkennung. Ja, wir erwarten von den Palästinensern, den jüdischen Staat Israel, den Nationalstaat des jüdischen Volkes, anzuerkennen. Schließlich sind wir bereits seit langem hier, seit beinahe 4000 Jahren. Wir haben eine tiefe Verbindung zu diesem Land. Wir sind hier gewesen. Wir sind keine fremden Eindringlinge. Wir sind keine Kreuzfahrer oder Neo-Kreuzfahrer. Dies ist unser Heim. Wir sind bereit, Frieden mit unseren palästinensischen Nachbarn zu schließen, aber wir erwarten von ihnen, dass die sie Tatsache anerkennen, dass wir seit Tausenden von Jahren hier sind und dass jeder Jude das Recht hat, in den jüdischen Staat zu kommen, so wie die Palästinenser in den palästinensischen Staat, den entmilitarisierten Staat gehen könnten.“

Ist das so falsch? Sind "die Juden" nicht schon 4000 Jahre dort? Haben die Juden mehr oder weniger Recht dort zu leben als z.B. die Amerikaner auf Indianerland? (Wann starten die Comanchen ihre Intifada?) Ist es richtig, die Weißen aus Südafrika zu vertreiben? Haben Sie mal die Bedingungen gelesen, zu welchen die ersten Gastarbeiter zu uns kamen? Wenn man da konsequent geblieben wäre, könnte man Deutschland "türkenfrei" machen. (Das ist nur als Beispiel zu sehen)
Meiner Meinung nach ist die einzige Lösung für Israel und seine Nachbarn, den momentanen Stand zu akzeptieren und darauf aufzubauen. Ob Siedlungen gegen andere Ländereien eingetauscht oder aufgelöst werden müssen kann ich nicht sagen, ich weiß nur, dass mit einer Fortsetzung der Intifada und einem weiteren Raketenbeschuss gen Israel die Lage nur schlimmer wird und irgendwann wieder eskaliert. (Vielleicht vor der nächsten Wahl?)

Ich denke, dass ich hier die Grundzüge meiner Sichtweise dargestellt habe,

viele Grüße